Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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DAS BETT UND SEINE TECHNIK

VON KUNO GRAF VON HARDENBERG

In unserer Kultur haben wir einige Lücken, einige wunde
Punkte: Zu ihnen gehört das Bett. Wir haben Fort-
schritte auf allen Gebieten gemacht, wir können Arbeit
in Papier und Papier in Geld verwandeln, wir können
fliegen und ohne Draht jede Weisheit verbreiten, wir
haben uns gewaltig entwickelt. Nur das Bett hat sich
nicht entwickelt. . Ihr Betten, wäret ihr anschmiegsamer,
gäbet ihr wirkliche Nervenruhe, unser Land wäre sicher
ein glücklicheres Land, es wäre weiser und heiterer.
Denn schlecht ausgeruhte Leute richten Unheil an.

*

Das ideale Bett besteht aus einer Sprungfeder-
matratze und zwar einer, deren Federn liebevoll nach-
geben, also nicht aus einem unelastischen Draht gemacht
sind, sondern einem weise auf seine Stärke erprobten.
Die Federn müssen sorgsam verbunden sein, ohne ein-
ander zu berühren, damit nicht seufzende und klirrende
Geräusche entstehen, wenn der Schläfer eine Bewegung
macht. Auf die Sprungfeder-Matratze ist eine stattliche
Roßhaar-Matratze zu legen; sie sei sorgfältig gepolstert
aus fein gerupftem Roßhaar, das mit Kunst und Verstand
ganz gleichmäßig verteilt ist. Ein locker und weichge-
polsterter Roßhaar-Keil dient der angemessenen Erhöhung
des Kopfendes. Uber die Roßhaar-Matratze und den Keil
empfiehlt es sich, eine etwa drei Finger starke Matratzen-
decke aus weicher Schafwolle zu legen, deren Aufgabe
es ist, die Verknüpf ungs-Stellen der Roßhaar-Matratze
angenehm auszugleichen. Über diese allein richtige Unter-
lage spannt man das eine Bettlacken, welches, wofern es
nicht von sehr großer Ausmessung ist, mit Sicherheits-
Nadeln an der Roßhaar-Matratze zu befestigen ist, um
das unleidliche Rutschen zu verhindern. Zur Unterschicht
des Bettes gehört endlich noch ein leichtes Feder- und
ein wohlgestopftes Roßhaar-Kopfkissen zu Auswahl . .



Zur Herstellung der Bedeckung muß man ins Auge
fassen, daß die Bedürfnisse der Damen andere sind, als
die der Herren. Während nämlich den Damen leichte
Daunendecken und seidene Federkissen angenehm zu
sein pflegen, da sie eine starke, prickelnde Wärme zu
erzeugen pflegen, die dem kühlen weiblichen Organismus
am Besten entspricht, lieben die Herren, zumal diejenigen,
die an Körperübung und Körperausbildung gewöhnt sind,
mehr schöne, lockere weiße Wolldecken, die dem Körper
eine ruhige Entwicklung seiner eigenen Wärme gestatten,
ohne sich selbst anders dabei zu verhalten, als die ent-
wickelte Temperatur zu erhalten. So wird auch den
meisten Herren ein hartes Kopfkissen willkommener sein,
als das lockere, weiche Daunenkissen, das den Damen
wegen ihres Haarschmucks und ihrer meist empfind-
lichen und zarten Kopfhaut willkommener zu sein pflegt.
Seidene Federballen, sogenannte Plumeaus, fehlen
zur Benutzung nach Bedarf und Geschmack nicht. In
tropischen Ländern schließt sich die Verwendung von
Federn und Daunenkissen jeder Art naturgemäß aus.
Eine leichte Decke aus Leinen genügt hier vollständig,
allenfalls eine Wolldecke für die Zeiten, wo eine größere
Abkühlung in der Nacht erfolgt. Außerdem findet in den
holländischen Kolonien und in Teilen von Amerika noch
eine kühle Roßhaarrolle, die nach Art der Kopfkissen
mit Leinen überzogen ist, Verwendung, um sich nach

Geschmack und Wunsch irgend eine beliebte Stellung
bequem zu machen; endlich sei auch noch eines kleinen
Nackenkissens Erwähnung getan, das manchen Schlaf-
Sybariten zur Ausfüllung des Teiles zwischen Nacken
und Kopf unentbehrlich erscheint. Es darf aus Federn
oder aus federndem Roßhaar hergestellt sein und braucht
nicht breiter als 30 cm und höher als 20 cm zu sein. . .

*

Der künstlerischen Gestaltung des Bettes sind
nur das Gestell und die Überdecke zugänglich, wofern
man nicht auch noch einen Himmel nach dem Geschmack
vergangener Zeiten hineinbeziehen will, um der täglichen
Lagerstätte den Charakter des Pomphaften zu verleihen.
Wird ein plastischer Schmuck des Bettgestells beliebt,
so bestehe er aus flachen Relief-Ornamenten oder Ein-
lege-Arbeiten, die die Flächen nicht unterbrechen.
Scharfe Kanten oder Profile sind tunlichst zu vermeiden,
hingegen erscheint die Anwendung edler Hölzer jeder
Art, in unaufdringlichen, behäbigen Formen gestaltet,
das Wichtigste und dem Zweck am entsprechendsten. .

*

Von den Überdecken zu reden ist zwecklos, der
Geschmack und das Können kunstsinniger Frauen werden
hier kühnere Erfindungen schaffen, als die klugen Denker-
stirnen aller Männerl Uns erscheint Brokat mit über-
gelegten Spitzen-Arbeiten als das beste Material. . .

Die Wäsche des Bettes sei fein und glatt. Sie
habe einen angenehmen und frischen Geruch nach gut
gepflegten Schränken, die mit Lavendel durchduftet sind.
Man vergesse auch nicht, daß Sonnenstrahlen der Wäsche
lange erhalten bleiben und ihr ein besonders feines Aroma
geben. Gemusterte Wäsche ist einem gut durchdachten
Bette nicht anstehend. Wir haben Kopfkissen mit Hoch-
Stickereien erlebt, die uns am Morgen Muster in die
Wangen geprägt hatten, dergleichen ist nicht erfreulich.

*

Die Stellung des Bettes ist eine wichtige Sache.
Viele Leute leiden an Schlaflosigkeit, nur weil ihr Bett
an der unrichtigen Stelle steht. Das Kopfende soll immer
gegen das Licht gerichtet sein, damit dem Schläfer nicht
vorzeitig der Tag ins Gesicht falle und ihn wecke. In
Gasthäusern, wie in schlecht ausgestatteten Schlaf-
zimmern ist die Stellung des Bettes oft falsch. Das Kopf-
Ende, wenn es sich einrichten läßt, stehe am besten nach
Osten, das Fuß-Ende nach Westen! Die Toten mag
man mit dem Antlitz nach Osten betten, die Leben-
den aber bette man nach Westen . . Ein weicher Bett-
Teppich ist ein unerläßliches Requisit; ihm eine ge-
schmackvolle Farbe, die zum Farbencharakter des Zim-
mers paßt, zu geben, ist eine selbstverständliche Sache.
Von der Umgebung des Bettes ist noch zu sagen, daß
sie ruhig und nicht aufdringlich sei. Bilder plakatartiger
oder aufregender Wirkung sind ebenso im Schlafzimmer
zu vermeiden, wie stark geblümte, unruhige Tapeten.
Alles im Schlaf räum diene der Ruhe, dem Schlaf. . .

Der schwedische Kanzler Oxenstjerna hielt das Geld
für den besten Freund des Menschen; wir sind der
Meinung, daß von den vielfältigen Gaben das Geld wohl
eine gute, — der Schlaf aber die beste ist und der
treueste Freund, denn er nimmt nicht weniger als ein
Drittel unseres ganzen Lebens in Anspruch. . . K. G. v. h.
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