Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

d1pl.-1ng. etwan1k & perl-berlin diele mit treppe. haus h. —berlin

BEABSICHTIGTER HAUSBAU

prosa und poesie des hausbaues

Janusköpfig wie alles Tun des Menschen, — dieses Ver- sehen. Wenn er nun eine Gattin heimführt und es wird
bindungsgliedes zwischen zwei Welten, einer mate- ein Kind dort geboren, dann wird es ein heiliger Raum,
riellen und einer geistigen, — hat auch die Gestaltung Das nennt man »das Heim«. . . Und ein chinesischer
einer Häuslichkeit ihre zwei Seiten, ihre »prosaische« und Dichter Tu-Fu schrieb vor tausend Jahren die Strophen:
ihre »poetische«. Wie die Einrichtung von Haus und »Ich besitze einen Bambushain, der den Strom ver-
Heim einerseits den materiellen Anforderungen des birgt, und der die heißesten Sommertage kühl erscheinen
Lebens Genüge bieten soll, andererseits eine Erfüllung lassen kann. Sein Schatten erstreckt sich weit in die
seelischer Bedürfnisse darstellt, so sieht der eine, — wenn eilenden Wassermassen hinein, seine Höhe reicht bis
er Haus und Wohnung zu bauen beabsichtigt, — vor ZUm Rande der ziehenden Wolken. Da ich stark ver-
allem das Materielle vor sich: Zahlen, die gerechnet, mute, daß Geister darinnen hausen, so macht es mir nicht
Material, das verarbeitet, ein repräsentatives »Haus«, viel aus, wenn der Bambus ein wenig gelichtet wird. . .
das als Sinnbild seiner wirtschaftlichen Stellung da- Nach Osten ist dann freie Aussicht, und Türen und
stehen soll; der andere, der gefühlsmäßiger an das Fenster des neuen Hauses können für die Dauer ange-
Problem herantritt, sucht vor allem sein »Heim«, das ihm bracht werden. Schon sechs Jahre lang habe ich sie
Lebensstütze ist, Stätte seines Schaffens und seiner Ruhe, liebend gespart; heute Morgen ließ ich die tausend
Und soviel die prosaische Seite des Hausbaues in Stämme fällen. Ungewohnt erscheint nun die glänzende
sachlichen Darlegungen seit Jahrhunderten behandelt Sonne, und rauschend liegt der Gießbach offen vor mir.
wurde, so oft hat auch die Dichtung sich mit der poeti- In der Strohhütte zu leben, hat keinen Reiz mehr für
sehen Seite befaßt. Wohl fast alle großen Dichter von mich, so bin ich auf den Gedanken verfallen, mir eine
Homer an bis zur Neuzeit haben in Strophen oder ge- andere Behausung zu bauen. Obwohl Gras und Schilf
hobenen Worten sich über Haus und Heim geäußert, schon bereit liegen, warte ich nur, bis es mit meiner Hin-
Strindberg sagt einmal: »Wer eine Wohnung ein- fälligkeit etwas besser geworden. Ich bin überrascht,
richten will, geht umher und dichtet mit schaffender daß meine Wünsche in Erfüllung gehen sollen! Hier
Phantasie. Er projiziert sein Inneres in Form und Farben, werde ich wieder im Stande sein, mehr zu essen, und in
Und wenn er fertig ist, kann er sehen, wie er inwendig der Stille, wenn kein Schall eines Beiles mehr ertönt, die
aussieht; und auch andere mit offenen Augen können es Freuden der Ruhe zu genießen«........h. lang.
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