Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

professor adolf g. schneck—stuttgart glaserschrank im frqhstücks-z1mmer

DAS GEHEIMNIS DER KUNST Leben: die Kraft, die sie formte und ihnen Anmut oder

Stärke, Liebreiz oder ungestümes Feuer schenkte; er

Man glaubt, daß wir Künstler nur mit unseren Sinnen verleiht seinem Temperament entsprechend der Natur
leben und daß die Welt des Scheines uns genüge. eine ungestüme oder sanfte Seele . . Das schöne Kunst-
Man hält uns für Kinder, die sich an schillernden Farben werk drückt wirklich alles aus, was der Künstler an-
berauschen und die mit den Formen wie mit Puppen gesichts der Schöpfung empfindet. Es stellt an Klar-
spielen . . Aber man versteht uns schlecht! . Die Linien heit und Reichtum alles dar, was die geistige Kraft
und die Farbenspiele sind für uns nur Kennzeichen ver- des Menschen in der Natur zu entdecken vermag. Not-
borgener Realitäten. Jenseits der Oberfläche tauchen wendigerweise jedoch stößt auch jedes Kunstwerk auf
unsere Blicke bis zum geistigen Wesen der Dinge hinab, das Unergründliche, das wie eine riesengroße Hülle die
— und wenn wir dann deren Umrisse wiedergeben, be- kleine Sphäre des Bekannten auf allen Seiten umschließt,
reichern wir sie mit dem geistigen Gehalt, den sie ver- *

bergen. Jeder, der den Namen Künstler mit Recht führen Denn schließlich fühlen und begreifen wir doch nur die

will, sucht die ganze Wahrheit der Natur auszudrücken, Außenseite der Dinge, wie sie sich zeigen und auf unsere

nicht nur ihre äußere, sondern vor allem ihre innere . . Sinne und Seele Eindruck machen können. Alles übrige

Jeder Künstler sucht aus dem Chaos sich wandelnder verliert sich in unendlichem Dunkel. Und selbst ganz dicht

Formen den ewigen Typus herauszulösen, er sucht das neben uns sind tausend Dinge verborgen, die wir nicht

Leben darzustellen, das sie erwärmt; ja mehr als das fassen können, weil wir nicht dazu veranlagt sind, rodin.
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