Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION



ARCHITEKT CAMILL GRAESER -STUTTGART STUTZFLÜGEL. TH. MATHAES-STUTTGART

MÖBEL UND ZEIT-BEDÜRFNIS

VON ARCHITEKT CAMILL GRAESER

Aus gebeiztem Weichholz, Tannenholz läßt sich wohl
l für die Kleinwohnung recht schönes Mobiliar her-
stellen. Aber gerade das Publikum, für das es herge-
stellt wurde, lehnt solches durchweg ab; da vermögen
die besten Entwürfe nichts auszurichten. Diese Fest-
stellung des kleinen, aber »gewissenhaften« Möbelhänd-
lers, der aus der Praxis, aus Erfahrung spricht, ist nicht
abzuleugnen. Warum aber erfolgt diese Ablehnung?
Das gebeizte Weichholzmöbel ist nicht praktisch, — es
ist zu empfindlich in der Kleinwohnung; verlangt wird
Möbel in Ölfarbe matt gestrichen, am liebsten imitiert
Eiche. Der Minderbemittelte kauft immer das ihm reich
erscheinende, er sucht wie der Begüterte etwas »Reprä-
sentatives«. Sinnt man darüber nach, so wird man in den
Ansprüchen des kleinen Mannes einen gewissen zivilisa-
torischen Höher-Drang erkennen müssen. Es bleibt nichts
anderes übrig, als, — bei allem grundsätzlichen Fest-
halten an unseren neuen Erkenntnissen, — auch dieser
Willens-Äußerung, diesem Lebensgefühl Rechnung
zu tragen, indem wir solche Möbelauf den Markt bringen,
denen man trotz ihrer Preiswürdigkeit größte Zweck-
mäßigkeit und repräsentative Haltung nachrühmen kann.
Unsere Losung lautet also: nicht gebeizte Tannenholz-
möbel, sondern Verwendung besserer Hölzer, Verbil-

ligung durch Anwendung einfachster, rationeller Kon-
struktionen, maschinelle Herstellung; Naturholzwirkung,
keine Beizverfahren, sondern gut geschliffene, matte
Politurbehandlung. Das gestrichene Möbel läßt sich
durch eine diszipliniert farbige Behandlung repräsentativ
gestalten. Eine spätere, vielleicht wohlhabendere Gene-
ration mag das polierte Möbel wieder zu Ehren bringen.

*

Auf alle Fälle aber muß dem geringen, sogenannten
»kompletten eichenen Zimmer, dunkel gebeizt mit
Schnitzereien«, etwas Besseres entgegengesetzt werden,
— ohne Barockgesims, ohne Teigwaren-Ornamentik,
nicht gebeizt, sondern naturholzfarbig; in schönen Zweck-
formen und guter Materialwirkung! . Bauen wir daher
mehr gute »Einzelmöbel«, statt »komplette« Zimmer,
damit jeder, nach Bedarf und verfügbarem Raum, Stück
für Stück sich das Entsprechende preiswert kaufen kann.
So zusammengestellte Räume werden je nach dem Ge-
schmack des Einrichtenden ihre besonderen, individuellen
Reize erhalten. Der eine wird mit solchen guten Einzel-
möbeln eine ganz auf das praktisch-solide gerichtete
Raumwirkung, der andere vielleicht ganz kapriziöse
Raumstimmungen erzielen können. Diese Einrichtungs-
Methode sollte ohne Verzug ermöglicht werden können,
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