Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKO RATION

ARCHITEKT CARL HE1NR. STOCK ENTWURF' EINES LANDHAUSES.

PRAKTISCHE KUNSTANSCHAUUNG IN DEN SCHULEN

VON DR. ALEXANDER KOCH

Es handelt sich hier nicht darum, einem dringenden Mädel, das Regeldetrie und Chemie erlernt, nicht ebenso
»Bedürfnis« abzuhelfen, es handelt sich vielmehr gut oder viel eher einen guten Farbakkord sehen lernen,
darum, einem tatsächlichen Mangel zu steuern. Im warum nicht ein Junge, der die stilistischen Gewählt-
Lehrplan unserer Volks- und Mittelschulen sowohl, als heiten in der Sprache der Klassiker begreift, die klare
auch der höheren Lehranstalten, ist merkwürdigerweise Liniensprache eines Innenraumes oder einer kunstgewerb-

für eines der wichtigsten Fächer, »die praktische Kunst- liehen Arbeit verstehen können?............

anschauung«, bis heute noch kein Platz. Unsere Schul- Ziel aller Erziehung ist doch letzten Endes die Aus-
erziehung neigt fast ausschließlich zur Ausbildung des stattung mit dem besten Rüstzeug für das praktische
abstrakten Denkens hin, sie erwartet alles Heil von der Leben. Ich muß hier den Unterschied zwischen Gebil-
Erkenntnis, sie ist rein intellektuell gerichtet. Das ganze detheit und Bildung machen. Solang die Schulreform
weite Ackerland des Intuitiven aber ist entweder nut lediglich auf die Zuführung neuen Bildungsstoffes bedacht
teilweise bestellt oder liegt ganz brach. Es ist also an ist, bleibe ich skeptisch. So mancher Schüler wird, ebenso
der Zeit und durchaus verständlich, daß eine Reform wie er die Ereignisse des siebenjährigen Krieges vergißt,
der Volkserziehung zu Gunsten des Künstle- auch kunsthistorische Tatsachen nur äußerlich aufnehmen
rischen eintritt. Und dieser bevorstehenden Reform und wieder vergessen, wenn nicht ein Hauch lebendiger
gegenüber scheint es angemessen, das lebensnotwendige Anregung sie in ihm wachhält. Und gerade diese An-
Ziel, das dieser Umwandlung vorschweben muß, zu be- regung wird ihm der praktische Anschauungsunter-
tonen. Dieses Ziel heißt: Erziehung des Schülers rieht geben. Dieser Sinn für das Schöne, Geschmack-
auf die Geschmacksbildung hin, auf ein lebendiges volle und Gediegene im Alltäglichen wird ihm durch
Sehvermögen, wie er es in tausend Fällen des täglichen seine Zukunft zum Führer werden, wenn nur der Schöß-
Lebens nötig hat, auf die Urteilsfähigkeit vor künstle- ling richtig gepflanzt und behandelt wird. Ich kann hier
rischen oder kunsthandwerklichen Dingen, wie sie ihm aus eigener Erfahrung reden: wie oft kommen jüngere

bei mannigfachen Gelegenheiten nützen kann...... Menschen zu mir und sagen mir: »hätte ich mir nicht

Die Lehrbarkeit und Erlernbarkeit dieser Dinge steht aus angeborenem Interesse für die Sache in jahrelangen
außer Zweifel. Interesse bei den Schülern wird im Selbst-Studien in fachwissenschaftlichem Unterricht und
großen Ganzen vorhanden sein, und wo es nicht vor- durch das schulende Anschauungsmaterial unserer guten
handen ist, kann es nach erprobten pädagogischen Metho- deutschen Kunstzeitschriften die nötigen Kenntnisse er-
den geweckt werden. Es dürfte niemand bestreiten, daß worben, ich hätte, als ich heiratete und mir ein Heim
Stilkunde so faßlich gemacht werden kann, wie etwa Erd- einzurichten begann, ratlos und verzweifelt dagestan-
kunde; daß gerade beim Kinde der Sinn fürs Konkrete den!« Und wem unter uns wäre es nicht ebenso ergan-
gegenüber dem Sinn fürs Abstrakte bei weitem überwiegt, gen? Seien wir offen: wer von uns, er sei denn Fach-
daß also, praktisch gesprochen, eine bildhafte Wieder- mann geworden, hat in seinem späteren Leben Algebra
gäbe des Straßburger Münsters einen intensiveren und und Trigonometrie anzuwenden gehabt, hingegen wer
somit erzieherischeren Eindruck auf einen Sekundaner unter uns ist nicht in die Lage gekommen, Geschmack
macht, als selbst Goethe's glänzende Schilderung in und Urteilsvermögen in künstlerischen Dingen aufzu-
»Dichtung und Wahrheit«. Und warum sollte da ein bieten, zur Wahl vonTisch, Bett und Schrank, von Boden-
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