Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

GEDANKEN ÜBER ARCHITEKTUR

Architektonisches Schaffen kreist um zwei Pole«, führt
Otto Höver in seinem Werk »Vergleichende
Architekturgeschichte« aus: »Baugeschichte ist Wechsel-
spiel von zwei Elementen . . Grund-Voraussetzung sind
die elementaren Gegebenheiten der Baukunst: Körper
und Raum, als geistige Polaritäten: Körpervorstellung
und Raumvorstellung. Von den genannten Polaritäten
des baulichen Schaffens aus legen sich die Weltperi-
oden der Architektur-Geschichte auseinander in die
Stufen-Vierheit: Massenbau, Gliederbau, Raumbau
erster und zweiter Ordnung .. Massenbau und Gliederbau
sind Manifestationen »plastischen« Bauens, und dieses
geht »raumhaftem« Denken voraus Überall müssen erst
die Möglichkeiten der Körperformbildung durchlaufen
sein, ehe die Probleme eigentlicher Raumgestaltung in
Angriff genommen werden . . Die Kriterien zur Scheidung
zwischen Raumbau erster und zweiter Ordnung liegen
in prinzipiell andersartigen Raumgestaltungs-Gesetzen.

Paul Frankl hat dafür seine Begriffe: »Addition« und
»Division« der Raumform aufgestellt. Neuerdings be-
dient er sich auch der Ausdrücke: »Totalität« und
»Partialität«. Die Raumbildung der Renaissance folgt
additiven Gesetzen: Raumbau erster Ordnung . . Im
Barock dagegen wird das Gesamtgefüge unterteilt, Divi-
sion ist maßgebend geworden: Raumbau zweiter Ord-
nung . . Für den Raumbau erster Ordnung besagt der
Begriff der Addition, daß ein bauliches Gesamtgefüge
aus einer Mehrheit völlig selbständiger, in sich beschlos-
sener Teile besteht, aus »Raumsummanden«, wie Frankl
sie nennt. Totalitäts-Stile arbeiten immer mit abgeschlos-
senen Einheiten in Raum- und Körperform. Jeder Teil
würde auch in der Isolierung seinen individuellen Schön-

heits-Charakter behalten. Jede Säule, jeder Wanddienst
ist ein »Kraftzentrum«. Nach dem ästhetischen Prinzip
der Einheit in der Mannigfaltigkeit könnte man sagen,
daß bei der »Addition« aus einer primären Mannig-
faltigkeit selbständiger Teile erst nachträglich die Ein-
heit des Ganzen »zusammengesetzt« wird, während
»Division des Raumes« dahin zu verstehen ist,daß eine
primäre, absolute Raumeinheit sekundär in einer Mannig-
faltigkeit unselbständiger Teile »zerlegt« erscheint. An-
stelle der Koordination ist Integration getreten. Die
Bestandteile sind zu integrierender Einheit zusammen-
geschweißt, sind unverbrüchlich miteinander verzahnt.
Das einzelne an sich hat keine Existenzberechtigung mehr,
entbehrt der individuellen, in sich geschlossenen Sonder-
schönheit. Die Partialitäten ergeben erst bei innigster
Zusammenarbeit ein Schönheits- und sinnvolles Ganze.
Partialitäts-Stile sind Gotik und Barock . .

Wo Addition im Raumgefüge, Kraftzentren innerhalb
des Tektonisch-plastischen vorliegen, da ist allemal ein
architektonischer »Ruhestil« gegeben. Es sind die
klassischen Epochen schlechthin. Geistiges und Körper-
liches sind in harmonischem Gleichgewicht. Der Grieche
hatte dafür das Wort »Sophrosyne«. Wo diese Wesen-
heiten maßgebend sind, wird der Raum, die geistige
Polarität des Architektonischen, verkörperlicht. . .

Raumdivision hingegen ist nur möglich, wo stark be-
wegte Körperform den Raum durchdringt, und das Raum-
hafte selbst in ewiger »Bewegung« gedacht ist. Gotik
ist architektonischer »Bewegunjrs-Stil« par excellence.
Und mit der Gotik liegt die Dynamik der Barocke auf einer
Linie, Gotik und Barock bieten das Geistige in absoluter
Bewegung, bleiben aber innerhalb des Architekturalen.
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