Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

281

ÜBER DIE »HANDSCHRIFT« IN DER BAUKUNST

VON ARCHITEKT RUDOLF BEHR.

Kunstfreunde, Baubeflissene, Kunstgewerbehändler,
— seltener Künstler reden viel über die »Hand-
schrift« des einen oder andern Künstlers, die sich in
dessen Erzeugnissen auspräge. Was ist »Handschrift?«
Womit macht sie sich im einzelnen Werk erkennbar? Ist
sie notwendig? Ist sie wünschenswert? Ist sie reizvoll?
Bedeutet sie Schöpfung? Oder ist's bloß Routine? Origi-
nalität? Phantasie? Inneres Leben? Oder Suggestion?
Oder sonst anderes ? Berufene Denker mögen ihren Schein-
werfer dahinrichten! Der Künstler beleuchtet mit seinem
Taschenlaternchen vorsichtig nur ein kleines Eckchen —,
diesmal die »Handschrift beim Bau eines Heims«.

*

Der Bauherr kommt zu mir und sagt, daß er zur Er-
bauung und Einrichtung seines Heims einen Architekten
suche, »dessen Handschrift ihm zusage«. Er habe sich
deshalb eine Reihe von Bauten und Entwürfe der ver-
schiedensten Architekten angesehen, mache aber die Er-
fahrung, daß zwar viel Schönes gebildet werde, aber
nichts, das ihm entspräche. Er fährt sich ganz verzweifelt
durch die Haare. Natürlich muß ich ihm sagen, daß er
auch bei mir die ihm gemäße Handschrift wahrscheinlich
nicht findet. Ich bemerke mit Freude, daß der Herr eine
Persönlichkeit ist, die instinktiv fühlt, daß sie ein Gefäß
für ihren Lebensinhalt braucht. Er weiß nur noch nicht,

daß in ihm eine prachtvolle Sehnsucht schlummert nach
Eigenem, Erlebtem, das befreit sein will. Er ist durch den
Begriff »Handschrift« geblendet, glaubt an diesen Begriff.
Allmählich während der folgenden Unterhaltung wird
ihm klar, daß die »Handschrift« zunächst Nebensache,
die Erfassung seiner speziellen Wünsche die Hauptsache
ist. Es entwickelt sich ein Gebilde, das den Wünschen
des Bauherrn immer ähnlicher wird. Wir machen gemein-
sam die Erfahrung, daß die Lage des Bauplatzes, seine
geologische Struktur, die bestehenden Bäume, seine Um-
gebung, die benachbarten Bauten, die Sonne, der Wind,
die Straße, die ortsüblichen Baumaterialien und Hand-
werksgewohnheiten, die bauherrliche Kasse sowie die
Baupolizei allerhand mitzureden haben. Wir merken, daß
die Dame des Hauses sehr entschieden in die Handlung
eingreift mit viel Einsicht, praktischem Verständnis und
Sinn für häusliches Behagen sowie für jene Impondera-
bilien, die so wichtig für eine harmonische Raumgestal-
tung sind. Von Neuem formt sich klarer das Ge-
bilde. Der Architekt greift die Fäden auf, schon,
wenn sie kaum sichtbar sind. Der »Entwurf« entsteht.
Plötzlich entdeckt der Bauherr erstaunt, daß das ja
gar nicht die »Handschrift« ist, die er an den früheren
Entwürfen des Architekten zu erkennen glaubte und die
ihm »auch nicht ganz entsprochen« hatte. Aber das Haus
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