Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

Page: 240
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1924/0561
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
240

INNEN-DEKOR ATION

max wiederanders und john rosenthal saal-decke mit rampen für beleuchtuno

einzugehen und ihn damit zu erfreuen weiß. Warum soll Mitmenschen zum Schaustück, zur Unterhaltung mache,
sich das Auge nicht erquicken an lächelnden geschwung- — Auf diesen Wegen, wie gesagt, weiß eine moderne
enen Kurven, an Konsolen und heiteren Ornamenten, an Raumgestaltung wieder zu gehen. Und das hat, ganz ab-
Lauben und Winkeln? Der Raum ist des Menschen gesehen vom greifbaren Gewinn an Freude und Heiter-
wegen da, nicht umgekehrt. Im ganzen 19. Jahrhundert keit, den tieferen Sinn, daß der Mensch wieder mehr
geht die Tendenz dahin, den wirklichen, konkreten Men- geschätzt und daß er als ein gesellschaftliches Wesen
scben in der Kunst zu unterdrücken oder doch zu ver- genommen wird. Man weiß, daß ähnliche Tendenzen in
nachlässigen. Seine Ansprüche werden beiseite gescho- der Mode hervortreten, d. h. in der ATt, wie der heu-
ben, man geht über sie hinweg mit einer Geste der Ver- tige Mensch der Mode folgt und sie als verpflichtend
achtung. Man denke z. B. an jene Theater-Räume vom anerkennt. Man soll derartige Entwicklungen — mögen
Ende des 19. und vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die Anhänger von Kniehose und Eigenkleid sie noch so
Da machte man die gräuliche Entdeckung, daß der Mensch sehr tadeln — nicht geringschätzig ansehen. Es liegt
bloß ins Theater gehe, um möglichst viel von der Bühne in ihnen die Tendenz zu einer neuen Bindung der Men-
zu sehen. Folgerichtig packte man die Zuschauer auf sehen, und diese tut gerade der so vielfach zerklüfteten

amphitheatralischen Sitzreihen zusammen wie in einem modernen Menschheit recht gut......Heinrich ritter.

Kasten. Da fielen die Logen, da fiel der schöne ge- *

schwungene Grundriß fort, die Ränge mit ihren ge- l^UNST UND NATUR. Der Inhalt des Begriffs

schmückten Brüstungen verschwanden, es gab keine reiz- X\. »Natur« hat sich im Wandel der Kunstanschauung

vollen Gruppierungen der Zuschauermassen mehr; man verändert. Das Natürliche ist uns Heutigen die gestei-

hatte, während früher das besetzte Haus einen entzük- gerte Beziehung auf geistige Erscheinungen: das neu-

kenden Anblick bot, vom Betrachten des Zuschauer- religiöse Weltbild der neuen Kunst. Für die Kunst,

raumes gar nichts mehr. . . Aber jene Entdeckung, auf diese seltsamste aller Wirkungen gesellschaftlichen Le-

die man sich anfänglich so viel zugute hat, war ein ent- bens, diese Wirkung, die der Vollendung der Ursachen

schiedener Irrtum. Heute weiß man Räume, wie etwa vorausläuft, ist der Begriff der Natur heute schon ins

den des Münchener Residenztheaters, wieder zu schät- Geistige, ja ins Übernatürliche gekehrt. Die Kunst hält

zen. Und man fordert von neuem, daß ein derartiger sich nicht mehr an die unmittelbare Erscheinung der

Raum eine gesellschaftliche Prägung habe, daß er Dinge und an die unmittelbaren Sorgen der Menschen,

die Menschen nicht als Massenware vorführe, sondern Heute schon hat sie es mit den äußersten Ausstrahlungen

anmutig durch gute Raumgliederung verteile und für die des Lebens zu tun: den idealen. . . . wilh. hausenstein.
loading ...