Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

MAX WIEDER ANDERS UND J. ROSENTHAL PLASTIK »CHERUBIN« VON KNUT ANDERSON

PHANTASIE IM INNENRAUM

DER RAUM IST DES MENSCHEN WEGEN DA

Landschaft ist der Seelen-Zustand«, — sagt ein fran- Jahrhunderts. Voltaire, Marmontel und andere erschei-
_j zösisches Wort. Für den Raum gilt dasselbe. Ein nen in neuen Verlags-Katalogen, Westdeutsche jener
Innenraum ist objektivierte Gemüts-Stimmung. . Neuere Zeit, wie etwa die großen Darmstädter Merck, Sturz,
Architekten wissen dies zu würdigen. Man sieht sie in Lichtenberg, Büchner, treten von neuem hervor. Wir
geeigneten Fällen die Mittel baulicher »Gemütsformung« haben zur Leichtigkeit ein neues, frisches Verhältnis ge-
sehr bewußt und nachdrücklich handhaben. Und beson- wonnen. Wir wissen wieder, daß Leichtigkeit Kraft und
ders sind es die leichten, die spielerischen, die phanta- Gesundheit bedeutet, und eine der beliebtesten Deu-
stischen Wirkungen, denen sie sich gerne zukehren. . Es tungen Goethes faßt diesen größten deutschen Menschen
gibt heute, nach aller Schwere des Erlebten bei uns eine geradezu als die Krönung und Vollendung des Rokoko auf.
gewisse Hinneigung zur »göttlichen Leichtigkeit«. Das Wer kennt nicht das Würzburger Schloß mit seiner
bezeugt sich auf allen möglichen Gebieten der Kunst, strahlenden, lächelnden Heiterkeit? Den Dresdner Zwin-
Niemals hat die deutsche Oper ihr großes lächelndes ger, das Asam-Haus in München, das Schloß in Schleiß-
Wunder, die Mozart'sche Musik, so liebevoll gepflegt heim, — alle die anderen zahllosen Dokumente einer
wie heute. Niemals hat das deutsche Schauspiel soviel Zeit, in der die Baukunst die Menschen liebte und ver-
Lust und Fähigkeit gezeigt, das Leichte, Tändelnde, das wohnte, mit Sonne, Glanz, Freiheit überschüttete? Noch
Witzige und Heitere, wie es sich vorab in den Werken heute, wenn man im Kurhaus zu Baden-Baden die Gesell-
desl8. Jahrhundertszeigt,herauszuarbeiten. Man erlebt, schafts-Räume durchwandert, bleibt man in dem großen
daß das Werk eines alten italienischen Komponisten, die Empfangs-Saal haften; er ist zwar nicht aus dem 18.
»Heimliche Ehe« von Cimarosa, die das Entzücken Jahrhundert, aber sein Schöpfer hatte noch alle guten
Goethes, Stendhals und ihrer ganzen Zeit bildete, mit Traditionen dieser Zeit lebendig in sich und wirkte sie in
einer transparenten Heiterkeit und Künstlerlaune heraus- Farben und Formen, in Raumteilung und Lichtführung aus.
gebracht wird, wie sie vor wenigen Jahren noch nicht Selbstverständlich kommt für uns Heutige nicht etwa
möglich waren. Die Baukunst folgt diesem Zug der Zeit eine Nachahmung der alten Formen in Frage. Aber es
und entwirft heitere, ausgelassene, witzige Räume, be- ist schon schätzenswert, wenn die Stimmung solcher
sonders als Rahmen für gesellschaftliche Veranstaltungen. Zeiten angestrebt wird, wenn die Architektur den Men-
Ja man merkt sogar in der Bücher-Produktion immer sehen wieder kennen und lieben lernt, wenn sie freund-
deutlicher ein Zurückgreifen auf Geist und Werk des 18. lieh auf seine tausend kleinen Neigungen und Schwächen
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