Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION 21

architekt ludwio kozma in budapest supkapokie im schlafgemach: »die nacht«

EMPFINDUNG UND GEIST

sinnen welt und geistige welt

Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus er- neue Schönheit zu zeugen strebt: der kann das

J~\ greifen, ist eine Art der Liebe. Ohne diese »Ener- Bewußtsein nähren, auf dem richtigen Wege zu sein. . .

gie« wird der Mensch Maschine. Die energisch wirken- Vergessen darf indes nicht werden, daß die Sinnlich-

den, sinnlichen Empfindungen sind es, welche, — we- keit nur dann heilsam ist, wenn sie im richtigen Ver-

nigstens zuerst, — der Seele eine belebende Wärme hältnis mit der Übung der geistigen Kräfte steht;

einhauchen, sie zuerst zu einer eigenen Tätigkeit sonst wird menschliche Freude roh, ungebändigt und

anspornen. Sie bringen Leben und Strebekraft in die tierischer Genuß; der Geschmack, — der in alle unsere

Seele. Unbefriedigt machen sie tätig, erfindsam, mutig Empfindungen und Neigungen etwas Gemäßigtes, Ge-

zur Ausübung. Befriedigt befördern sie ein leichtes haltenes, auf einen Punkt hin Gerichtetes bringt, — ver-

und ungehindertes Ideenspiel. Überhaupt bringen sie alle schwindet oder erhält unnatürliche Richtungen, und der

Vorstellungen in größere, mannigfaltigere Bewegung. . . allgemeine Endzweck der Natur wird dann vereitelt. .

Aber »Sinnlichkeit« und »Unsinnlichkeit« verknüpft Dieser aber ist, daß des Menschen Wesen sich zu immer

ein geheimnisvolles Band. Ewiges Streben, beide der- höherer Vollkommenheit bilde und daher vorzüglich:

gestalt zu vereinen, daß jede sowenig als möglich der daß seine denkende und seine empfindende Kraft,—

anderen raube, schien mir immer das wahre Ziel des beide in verhältnismäßigen Graden ihrer Stärke, — sich

weisen Menschen. Unverkennbar ist überall dies Gefühl, unzertrennlich vereinen . . Wilhelm von Humboldt.

mit dem uns die Sinnlichkeit Hülle des Geistigen, ^

und das Geistige belebendes Prinzip der Sinnen- nUD nnurnnt; DI,KU,T

weit ist. Nichts ist von so ausgebreiteter Wirkung auf »DER RUHENDE PUNKT«

den ganzen Charakter, als der Ausdruck des Unsinn- T T 7illst du ihn finden, den Punkt, auf den du mit

liehen, Geistigen im Sinnlichen: des Erhabenen, Ein- V V Sicherheit tretend, leicht dich, wohin du nur willst,

fachen, Schönen in allen Werken der Natur und Kunst, rechtshin und linkshin bewegst, wo du dich selbst um-

Alle Stärke aber stammt aus der Sinnlichkeit. Wo schaffst nach des Alls unendlichem Urbild, rings versam-

die sinnlichen Empfindungen, ■— ehe noch Kultur sie melnd in dir, was zu erfassen du magst: — Sieh, er

verfeinert oder der Energie der Seele eine andere Rieh- ruhet in dir! In dich versenke die Kräfte, welche, gött-

tung gegeben hat, — schweigen, da ist auch alle Kraft lieh und frei, reichlich dein Busen bewahrt 1 Siehst du

erstorben und es kann nie etwas Gutes und Großes ge- die rollenden Welten dort oben im luftigen Äther?

deihen. Wer nun seine Kräfte unaufhörlich zu erhöhen Sicher durch eignes Gewicht hält sich der schwebende

und zu verjüngen sucht, wessen richtiges und feines Ball. Stets harmonischen Flugs schwingt sich die gol-

Schönheits - Gefühl keine reizende Gestalt unbemerkt dene Bahn. So auch dul In der gleichgemessenen

läßt, wessen Drang, das außer sich Empfundene in sich Kräfte Bewegung folge mutig dem Weg, den sie sich

aufzunehmen und das Aufgenommene zu neuen Geburten selber erspähn. Nie gedeiht, was nicht frei aus eig-

zu befruchten, jede Schönheit in seine Individualität nem Busen hervorsprießt, nicht der verlangende Sinn rei-

zu verwandeln und mit jeder sein ganzes Wesen gattend, nes Gefühls sich erwählt.. Wilhelm von Humboldt.

1924. l 3.
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