Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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»FREIE ÄUSSERUNGEN DER LESER«

eine zuschrift

Verehrter Herr Doktor! Mein lieber Herr Hof rat!

Da ich weiß, daß Sie seit langen Jahren unermüdlich
daran arbeiten, der Kultur des Heims in allen Kreisen
Freunde und Verständige zu gewinnen und da Sie in
diesem Ihrem Streben immer ein offenes Auge für alles
was gut, neu, nützlich und schön ist, besessen haben,
wage ich es, Ihnen eine »neue Idee« für Ihre Zeitschriften
zu unterbreiten, eine Idee, die geeignet ist, einem kleinen
Mangel abzuhelfen. Ihre Zeitschriften sind textlich und
typographisch musterhaft! Seit Jahren sind sie mir
ästhetisch und praktisch die besten Ratgeber und Freunde.
Ich könnte sie nicht mehr missen, denn sie sind so voll-
kommen wie möglich! Nur etwas entbehre ich hin und
wieder: Etwas, das nicht nur ich, sondern, wie ich genau
weiß, auch schon andere entbehrt haben: Sie vermitteln
Ihren Lesern die besten Kunstwerke, die köstlichsten
Raumgestaltungswerke der besten Architekten und De-
korateure, Sie bringen geistvolle Aufsätze und Gedanken-
splitter, Sie helfen mit praktischen Beispielen und Winken,
aber eins ward bisher von Ihnen vergessen! Darf ich
offen reden? Sie machten sich bisher noch nicht die
Erfahrungen zunutze, die Ihre Leser, Ihre Freunde,
ich möchte sagen Ihre Schüler bei der Gestaltung ihres
eigenen Heims gemacht haben. Und gerade hier — sollte

ich meinen — wären noch Schätze zu heben......

Ich höre Sie fragen: wie ich das meine? Sie sollten
in Ihren Zeitschriften eine Rubrik auf tun, meinetwegen
mit der Uberschrift »Echo aus dem Leserkreis« oder
»Aus der Praxis für die Praxis« oder wie Sie es nennen
wollen, (Ihr Erfindergeist wird schon das Passende für
das Wesentliche an der Sache finden!) Sie sollten eine
Art von »Wunschkästchen« eröffnen, in dem der ästhe-
tisch gebildete Leser, der Kunstfreund oder ratsuchende
Laie, der Raumkünstler, der Kauf mann und der Industrielle
ihre Erfahrungen niederlegen können, die sie in den Bezir-
ken des Wohn wesens und der Wohnkunst gemacht haben.



Ich will lebendiger werden oder plastischer: Der be-
kannte Architekt Herr X erzählt uns von seinen Erfahrun-
gen, die er bei der Ausgestaltung desHeims der geistvollen
Frau Soundso gemacht hat. Frau Soundso berichtet uns,
wie es ihr gelang, ihre Raum-Träume zu verwirklichen,
welche Schwierigkeiten sie dabei hatte, warum sie nicht
zum Ziele gelangte, oder wie sie schließlich aus einer
glücklichen Polarisation mit einem feinsinnigen Menschen
einen endlichen Sieg errang. Feinsinnige Ästheten, be-
deutende Experten könnten uns etwas verraten von den
Schwierigkeiten, die sich beim Einkauf künstlerischer
Objekte oder bei der Verwirklichung neuer Ideen ein-
stellen, oder welche Mittel man anwenden muß, um
Handwerker, Fabrikanten und Händler zu erziehen, von
der Schablone abzuweichen und die Versuche aufzu-
geben, Minderwertigkeit der Ware durch unerfreuliche
Suggestion zu beschönigen. Der Architekt könnte von
den Widerständen reden, die er hat, um seine Ideale genau
so durchzuführen, wie sie ihm vorschweben und wie es
möglich ist, den Auftraggeber und den Handwerker richtig
und zweckmäßig zu beeinflussen. Natürlich sollte auch den
Handwerkern und Fabrikanten verstattet sein, von ihren
Leiden und Freuden im Umgang mit ihren Auf traggebern

zu reden. Endlich könnte in unserem »Schrein der
Wünsche« den Gedanken und Erfahrungen, die In-
haber eines behaglichen und zweckmäßig gestalteten
Heims sich im Laufe der Zeit über Wohnkunst und Heim-
schönheit gebildet haben, ein Platz vergönnt werden.



Ich meine, nicht nur die Fachleute, sondern auch die
Leserwelt würde aus derartigen Einsendungen, wenn sie
sachlich, klar und oh ne zu verletzen vorgebracht werden,
reichen Nutzen ziehen. Die Schar derer aber, die mit
uns die Erkenntnis gewonnen haben, daß ein würdiges,
gemütliches Heim — wie Sie im Vorwort des Januar-
heftes so richtig zum Ausdruck bringen — die Grund-
zelle ist für die ganze Kultur eines Volkes, sie
würde Ihnen von Herzen dankbar sein. Doch lassen Sie
mich schließen. Zeilen sind Gold, zumal in kostbaren Zeit-
schriften wie den Ihrigen. Was zu sagen war, ist gesagt.
Und wenn Ihnen aus meinen Worten eine Anregung
erwachsen und wenn ich gar mit der Ausführung dieser
Anregung der Allgemeinheit einen kleinen Dienst er-
wiesen haben sollte, so würde das von Herzen erfreuen
Ihren dankbar ergebenen dr. krueger van hoogbrand.



AN UNSERE LESER!

Die Zuschrift des Herrn Dr. K. v. H. erscheint uns so
beachtlich und die Ausführung des Gedankens so
erwünscht, daß wir uns entschlossen haben, der gegebe-
nen Anregung Folge zu leisten und unter dem Titel

»DER SPRECHSAAL«

aus der praxis für die praxis

in unserer Zeitschrift eine Abteilung zu eröffnen, in
der es unserer Leserwelt ermöglicht ist, in dem von dem
Herrn Einsender vorgeschlagenen Sinne das Wort zu
ergreifen. Für diesen »Sprechsaal« wird es sich im
wesentlichen um Einsendungen aus den Kreisen des
kunstliebenden Publikums, der Architekten und
Künstler, der Fabrikanten und Händler auf kunst-
gewerblichem Gebiet handeln. Als Themen, welche für
die Behandlung hier in Frage kommen, denken wir
uns vor allem die Beantwortung folgender Fragen: . .

1. Welche Erwägungen und Erfahrungen sind
maßgebend für die Beschaff enheit eines schönen
und zweckmäßig eingerichteten Heims?.....

2. Welche Erfahrungen ergeben sich beim
Einkauf oder bei Bestellung von künstlerischen
Neuwerten für das Heim aus den Beziehungen
des Kunstliebhabers zum Fabrikanten, Kunst-
handwerker und Händler? Mit welchen Haupt-
schwierigkeiten, — im Allgemeinen und Besonderen,
hat der Kunstliebhaber zu kämpfen, um zur Er-
füllung seiner eigensten Wünsche zu gelangen?

3. In welcher Weise lassen sich die Bezieh-
ungen der Geschäfts-Inhaber zum Fabrikanten
oder umgekehrt — was Wünsche auf Neuher-
stellungen oder Beanstandungen von Geliefer-
tem betrifft — nach Möglichkeit verbessern? . .

4. Welche Erfahrungen sind typisch für die Be-
ziehungen der Künstler-, Architekten- und Hand-
werkerschaft zum Publikum und umgekehrt? .

1924. III. 2.
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