Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT OTTO BAUER IN WIEN MUSIKZIMMER. WOHNUNG M.-W1EN

DIE FRAU UND DER SCHREIBTISCH

VOM GUTEN UND VOM SCHLECHTEN SCHREIBTISCH

Der Schreibtisch ist der beste Freund der Frau! . selbst nicht weiß, was sie alles enthalten, oben die beiden
Das ist eine kühne Behauptung und wenn alle Frauen, breiten stehen selbstbewußt vor und bergen die schwer-
die dies lesen, mir antworten könnten, so würde ich in wiegendsten Angelegenheiten, z. B. sämtliche Brief-
der Anzahl von Näh- und Toilettetischen, Kommoden schachteln und Mappen mit Photographien. Noch gewich-
und Sofas, die »weit bessere Freunde« seien, beinahe tigere Dinge befinden sich in den riesigen Schubladen
ersticken, ganz zu schweigen von Papageien, Hunden unter der Platte, alle möglichen Gerätschaften. Ich pflege
und Katzen, den Begleitern und Lieblingen der Frauen. . diesen Teil des Schreibtisches mit Kommode anzureden.
Ich bleibe aber doch bei meiner Behauptung und wage Und warum ist mein Schreibtisch so besonders ge-
es sogar, weiterzugehen, indem ich sage: Ist dies nicht heimnisvoll? Das macht die kleine Tempeltüre, vor mir
der Fall, so hat die Frau sicherlich nicht den rieh- in der Mitte, die ein tiefes Gemach verschließt. Ein
t igen, behaglichen Schreibtisch, der ihr ganz allein gehört! paar Stufen führen zur Türe, zwei Säulen, oben ein
Ich besitze einen solchen, ein altes Stück meiner Ur- Gitter geben ihr das Tempelhafte. Ich hole mein
großmutter, dessen Duft allein schon die Erinnerungen Schlüsselchen und lasse Euch nur geschwind hineinsehen,
eines vergangenen Jahrhunderts hervorzaubert. Es ist denn da innen wimmelt es von kleinen Kästchen-, seit-
eigentlich kein Schreibtisch, sondern ein »Sekretär« samen Briefen und Gedichten, von allerlei tollem Unsinn,
mit einem schön geschwungenen Aufsatz in dunkel- der flugs in das Dunkel geschoben wird und da drinnen
poliertem Nußbaumholz mit Wurzelmaserung. Ein er- am Geheimnis mitbaut. Eine Frau braucht Geheimnisse,
freulicher Anblick und ein lustiger Spiegel in seinen — keine großen, nur so ganz kleine Heimlichkeiten, —
glatten Flächen. Verreise ich, so macht er ein ernstes, die sie pflegt und versteckt, ihr Besitz macht sie glück-
verschlossenes Gesicht, doch komme ich heim und drehe lieh und froh in leeren, einförmigen Stunden; sie kramt
den Schlüssel herum, so fällt die vordere Lade herunter in ihnen und holt sich frischen Mut und findet das Leben
und breitet sich unter meinen Armen als herrliche Schreib- durch sie höchst unterhaltend. Dies Türchen in der Mitte,
Unterlage aus. Kaum ist er geöffnet, so lacht er mich zu- mit der dunklen Stube dahinter, ist der wichtigste Ort
traulich an, und ich fühle mich sofort daheim bei ihm. im Schreibtisch einer Frau und hat unbedingt da zu sein.
Rechts und links erwecken die vielen Schublädchen mit Es regt die Phantasie an, gibt ihr immer neuen Stoff, sich
den Elfenbeinknöpfchen eine gewisse Neugier, weil man zu entfalten und die Heimlichkeit umwebt die Frau mit
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