Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

Page: 245
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1924/0566
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

245

















n









■iiJ









I

LOGE. TANZ-
KASINO IM
CHERUBIN-
PALAST IN
MÜNCHEN

INDIVIDUELLE EINRICHTUNG

VON OSCAR A. H. SCHMITZ

Die meisten Menschen, die über einige Mittel ver-
fügen, wünschen sich »individuell« einzurichten.
Indem sie aber diese Forderung an den Innenarchitekten
richten, beweisen sie, daß sie sich über den Begriff der
individuellen Einrichtung nicht recht im Klaren sind.
Offenbar glauben sie, individuell sei der Name irgend
eines Stils, den man bestellen kann, so wie Renaissance
oder Rokoko. Man sollte nicht glauben, was für Selbst-
verständlichkeiten in Vergessenheit geraten sind. So
z. B. die, daß der, welcher sich individuell einrichten will,
dem Innenarchitekten selbst Direktiven geben muß. Die
Folge davon ist, daß man vielfach künstlerisch einwand-
freie Einrichtungen bemerkt, gegen die nur das eine
gesagt werden kann, daß sie nicht individuell sind. Das
ist nicht die Schuld des Künstlers, sondern eines Publi-
kums, in dem die Individualitäten immer seltener werden.

Allgemein hört man, daß der Fehler unserer Zeit in
einer allzu negativen Einstellung der Dinge besteht, wo-
durch der positive Gehalt immer mehr verloren geht,
Das läßt sich besonders deutlich an der Bewertung des
Wortes »individuell« sehen. Ursprünglich bedeutet es
etwas Positives: das, was nur einem bestimmten Indivi-
duum eigentümlich und für es charakteristisch ist. Natür-
lich läßt sich das auch negativ ausdrücken. Das Indivi-

duelle ist das, wodurch einer nicht so ist, wie die Andern.
Diese negative Ausdrucksweise setzt aber als selbstver-
ständlich ein bestimmtes, positives Etwas voraus. Wird
dies vergessen, so bleibt nur ein »Anderssein« ohne
eigentlichen eigenen Gehalt übrig, und eben das ist es,
was die Meisten heute individuell nennen. Diese Auf-
fassung unterschlägt gerade dasWesentlichezuGunsten
des Nebensächlichen. Das Wesentliche alles Individuellen
ist ja gar nicht das Anders-Sein wie die Andern, sondern
das So-Sein, wie es einem selbst entspricht. Daß
dies dann tatsächlich bei jedem etwas anderes ist, als bei
dem Nebenmenschen, liegt nicht in der individuellen Ab-
sicht, wird vielmehr von echten Individualitäten oft nach-
träglich voll Verwunderung festgestellt, da sie sich zu-
nächst für gar nichts besonderes hielten. Umgekehrt ist
in einer Umgebung von gut ausgeglichener Form durch-
aus denkbar, daß jeder individuell etwas will, was mit
dem Wollen der Andern weitgehend übereinstimmt, ohne
daß man deshalb von Herdenhaftigkeit sprechen könnte.
Solche Menschen sind einander ähnlich, aber jeder ist
dieses ziemlich Gleiche von sich aus auf individuelle Art.
Das Anders-Sein wie die Andern wird also oft die Be-
gleit-Erscheinung des Individuellen sein, beweist aber
noch nicht sein positives Vorhandensein. Wer nichts an-
loading ...