Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

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professor alb1nmqller —darmstadt junogesellen-zimmer im ledigenheim

DIE FRAGE: ALT ODER NEU

die forderung für die wohnung der gegenwart

Wer sich einrichtet, steht vor der Frage »Altsachen« lebendig empfunden, wie es die Truhen und Schränke,
zu sammeln oder »Neuwerte« anzuschaffen. So die Tische und Sessel der früheren Meister waren,
sehr ich die Stile der Vergangenheit liebe und mit den Wer einsieht, daß die Wohnung nicht nur Schlaf statte
durchaus persönlichen Gegenständen früherer Zeiten — ist und Herberge für kurze Zeit, sondern ein Heim, das
ich möchte sagen — befreundet bin, dem modernen aus dem tiefsten Wesen seiner Bewohner entstanden ist,
Menschen, der sich ganz neu einrichtet, rate ich ent- löst sich mit Sicherheit von jenen Dingen ab, in denen
schieden, Dinge zu wählen, die von heutigen Künstlern die Unkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts liegt,
und Kunsthandwerkern gebildet sind, denn erstens wird Der Drang, Altsachen zu erwerben, war der natürliche
er sich wohler darin fühlen, weil sie besser zu ihm und Übergang, denn hier gewann man schöne, eigenartige
seinen Bedürfnissen passen, zweitens ist er sicher, gute und liebe Gegenstände. Man ging darüber hinweg, daß
Sachen zu bekommen und nicht Nachgeahmtes, Umge- sie für andere Generationen, andere Familien und Men-
arbeitetes und Verfälschtes, wie es den Antiquitäten- sehen geschaffen waren, ja man hing sich sogar aus
markt überschwemmt, und drittens ist es moralischer, Freude am Stil früherer Zeiten fremde Ahnenbilder ins
denn wo bliebe die Kunst, wenn alle Welt ewig nur das Zimmer. Das war eigentlich geschmacklos, wenn es
Alte verlangte, ohne je die Berechtigung eines »neuen auch zu Geschmack und feinerer Kultur führen sollte.
Stils« anzuerkennen? . . Und wir haben fraglos einen Denn echte Altsachen müssen auch innere Beziehungen
solchen; man muß nur mit wohlwollendem, wenn auch zu ihrem Besitzer haben! Aus dem Sammeleifer und der
kritischem Sinn die Hefte dieser Zeitschrift durchblättern, Freude an den Arbeiten des edlen Handwerks kam aber
dann wird man erkennen, daß seit einigen Jahren durch- der Wunsch, ein Gleiches zu bilden, und durch die Ver-
aus selbständige Formen sich aus der Tradition losgelöst bindung neuer künstlerischer Energien mit den neuen
haben. Alles ist sachlich geworden und das eignet sich Kräften der Technik trat eine souveräne Beherrschung
für das moderne Leben. Schöne Holzarten, wertvolle des Materials zutage, die früherschwer zu erreichen ge-
Metallbeschläge, Entwickeln der reinen Linie ohne un- wesen. Dadurch steht dem neuen Stil eine Fortschritts-
nötige Ornamente und dennoch Unterbrechen der Fläche möglichkeit zu Gebote, die erlaubt, die Forderung für
durch künstlerischen Schmuck, wo sie leer wirken würde, die Wohnung der Gegenwart zu erfüllen: »höchsten
das sind so ungefähr die Merkmale des neuen Stils. Die technischen Komfort mit höchster künstlerischer Voll-
Technik wird Mittel zum Zweck und das Gerät erscheint endung zu vereinen«. . Alexander ». gleichen-russwurm.
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