Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR BRUNO PAUL —BERLIN SCHRANK IM ANPROBE-RAUM NAUMANN

»FORMEN DES SCHRANKES«

Aus jedem ausgeprägten Gebilde des Kunsthandwerkes
ZV wird es ohne Schwierigkeit dem Physiognomiker
und Charakterologen gelingen, die Besonderheiten und
Charakter-Eigenschaften im Leben und Schaffen der Zeit,
des Volkes und des Künstler-Individuums zu erkennen;
in besonderem Maße aber aus Gebilden und Geräten, in
deren Formung der »Kollektiv«-Wille mit dem »Indivi-
dual«-Willen des bildenden Künstlers sich eng verbün-
det . . Der Schrank ist ein Gebilde dieser Art. Ein
deutlicher Spiegel des »Zeit«-Geistes ebenso wie des
jeweiligen »Künstler«-Geistes sind die Schrank-Formen
der verschiedenen Zeit-Epochen: der festungsartige,
trutzig verschließende, vieltürige Schrank der Gotik, mit
schwerem Eisenbeschlag, Flachschnitzerei und Faltwerk;

die prunkende Miniatur-Palazzo-Fassade desRenaissance-
Schrankes; die heitere Gebärde der Einlege-Arbeiten
und bunten Malereien in volkstümlichen Gestaltungen;
die sinnlichen Rundungen gewundener Säulen und der
Hoch-Reliefs der Barockzeit; die tänzerischen Kurven
des Rokoko-Schrankes; die gemessene Haltung klassi-
zistischer Glas-Schränke und der Gitterfüllungen feinge-
gliederter Mahagoni-Schränke, die mehr zeigen als ver-
bergen; die bürgerlichen Zweckformungen einer bürger-
lichen Zeit; die nüchterne Sachlichkeit »fabrizierter«
Spiegel-Schränke: — immer sehen wir die entsprechen-
den Menschen, die sich solchen Gebrauchsgerätes be-
dienten . . Und tauchen neue Formen auf: gespannter,
eleganter, rhythmisch bewegter als bisher, so wird sich
notwendig das Bild eines »neuen Menschentyps« damit
verbinden, der solches Gerät schafft und sucht, h. lang.
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