Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

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kamin im
verkaufs'
kaum.haus
neuerburg
zu köln

EIN ZWIEGESPRÄCH

Nachdenklich den gerade aufsteigenden und dann
rhythmisch sich kräuselnden blauen Rauch der Zi-
garette mit dem Blick verfolgend sagte der junge Haus-
herr zu dem älteren Freund, der aufmerksam in die Glut
des Kamines starrte: »Seltsam ist es doch, daß die in-
tensiv arbeitenden, auf äußerste Nerven-Anspannung
und -Ausnutzung eingestellten Menschen der Neuzeit
sich in einem Punkte mit dem, einem lässigen »Dolce
far niente« hingegebenen Südländer oder dem beruhigt
seinem Tagewerk nachgehenden Gebirgs- oder Küsten-
bewohner treffen, darin nämlich, daß sie der kleinen
Reizmittel und Rauschgifte nicht entbehren mögen. Der
Mann der Tat, der geistige Arbeiter, der Luxusliebende,
der Landmann, der Schiffer, sie alle suchen zur Lust der
Arbeit als kleines Gegengewicht die Lust der Rausch-
und Rauch-Mittel. Und je größer die Abwehrbewegung,
desto energischer setzt sich die Zustimmung durch« . . .
»Man darf solche Gedankengänge nicht mit Sentimenta-
lität verfolgen«, unterbrach der Andere, »wir lieben das
Feuer und haben es in unsere Gewalt bekommen: es
treibt unsere Maschinen. Wir scheuen nicht mehr das
Gift, denn wir kennen seine Zusammensetzung und Wir-
kungen und können es heilsam verwerten. Was in seinen
Auswirkungen unberechenbar und unfaßbar war und
darum als teuflisch galt, das bändigt der beherrschende
Verstand, das macht er den Menschen dienlich. Die
Kraft des zerstörenden Blitzes bändigt der Mensch, da-

mit sie seinem Erleben Bereicherung bietet. Alles Maß-
lose wird »dienende« Kraft, wenn es mit Maß und
Ordnung, geteilt und geleitet, eingefügt wird in den
großen Zusammenhang« . . . »Gewiß«, — entgegnete der
Jüngere, — »so ließe sich die Zigarette also auffassen
als ein Symbol des sokratischen „MtjSsv cr/av", der Lehre,
die auch die Epikureer vertraten, daß das maßvoll An-
gewandte dem Menschen zuträglich ist, oder anders gefaßt:
daß es von dem Menschen allein abhängt, wie er die
Dinge seinem Leben zweckmäßig einordnet. . . Sehen
Sie, wie der Rauch gerade aufsteigt und dann in rhyth-
mischen Kurventanz übergeht, weil er in seiner Bahn
naturgemäß dazu gezwungen wird? Auch der Mensch
— gleichviel, welcher Tätigkeit er obliegt — unterliegt
diesem Gesetz: in der geraden Bahn seines Schaffens
sich fortbewegend gerät er immer wieder naturnotwendig
in rhythmische Wellen-Bewegungen, der starren Linie
des Willens folgt die bewegtere des Herzens, der Klar-
heit des Wachbewußten das Dämmer des Unbewußten
und der linden Betäubungen, wie die Nacht auf den Tag
folgt und folgen muß« . . . »Und nur darauf kommt es
an«, — schloß der Ältere, indem er eine Zigarette anzün-
dete, — »das rechte Gleichgewicht zu finden im Schaf-
fen und Leben. Die Friedenspfeife der Indianer ist ein
hübsches Symbol der Übereinstimmung von Männern,
die sich in einer wichtigen Erkenntnis einigen. Viel-
leicht kommen wir auch einmal dahin?« . . . hugo lang.
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