Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKO RATION

PROF. ADOLF G. SCHNECK—STUTTGART GLASERSCHRANK. KIRSCH- U. NUSSHOLZ

DIE WOHNUNG DER ZUKUNFT

EIN WEITERER BEITRAG ZU DEM THEMA

Uber die Frage des »Wohnhauses der Zukunft« gibt
der Architekt M. Sauvage im »Bulletin de la vie
artistique« gutgefaßte Ausführungen, die ihrer sachlichen
und gemäßigten Haltung wegen hier wiedergegeben zu
werden verdienen . . »Das Wohnhaus der Zukunft?.. —,
man kann die Grundzüge schon festlegen«, meint M.
Sauvage. Es wird aus Röhren, Leitungen, Drähten,
Elevatoren, Druckleitungen, Saugleitungen, Ventilatoren,
Sterilisatoren bestehen, — und damit haben wir wahr-
scheinlich die Möglichkeiten auf diesem Gebiet noch
kaum erschöpft. Natürlich braucht man noch Wände,
um all dies einzuhüllen. Sie werden aber sehr leicht sein,
mehr Umschließung als Stütze; denn die stabilen neu-
zeitlichen Baumaterialien machen schwere Mauermassen
entbehrlich. Der innere Ausbau wird in Zukunft also
das Äußere des Hauses entscheidend bestimmen ....

Diese Wohnung der Zukunft wird selbstverständlich
sorgsam frei gehalten von Stuckzierrat, der Staub und
Bakterien ansammelt. Die neuzeitliche Hygiene erleichtert
somit die Aufgabe des Architekten, und die Auftraggeber
billigen die Ornamentlosigkeit. Die Wissenschaft ver-
bündet sich hier mit dem Geschmack. Aber ist der wirk-
lich »gute Geschmack« denn etwas anderes als »Ver-
nunft?« Die »Wohnung von Morgen« wird indessen nicht
allein durch solches Streben nach Hygiene und tech-
nischem Komfort charakterisiert. Sie wird sehr »anpas-

sungsfähig« sein. Für wechselnde Bewohner bestimmt,
deren Berufe, Neigungen, Gepflogenheiten wechseln,
wird die moderne Wohnung nur ein »neutraler Rahmen«
sein, in dem der jeweilige neue Wohnling, ohne durch
eine vorhandene Ornamentik belästigt zu werden, den
nötigen Schmuck ganz nach seinem Geschmack anbringen
kann — sofern er persönlich Geschmack hat, — oder
durch seinen Dekorateur. Die Wohnungen in ein und
demselben Hause können dabei ganz verschieden sein:
unverrückbare Schrank-Einbauten an Stelle der über-
flüssig gewordenen, stützenden Mauern lassen der Phan-
tasie in der Verteilung jeglichen Spielraum. Hier also
ist die moderne Ästhetik in Ubereinstimmung mit der
Forderung nach höchster Zweckmäßigkeit, die heute
mehr als je die Produktion beherrscht . . Indem sie ihre
Wirkungen aus dem Gleichgewicht der Massen und
der Harmonie der Proportionen erzielt und jedes über-
flüssige Ornament verbannt, wird die neue Baukunst
charakterisiert sein durch ihr Streben nach Reinheit..

Auch in den äußeren Formen wird dies zum Ausdruck
kommen. Aber hier ist ein empfindlicher Punkt zu be-
rühren. Schlichtheit und Reinheit sind nicht gleichbe-
deutend mit Ärmlichkeit! Die abstrakte, starre, geome-
trische Kunst, die Anmut nicht gelten lassen will und
eine Bau-Aufgabe wie eine Mathematik-Aufgabe lösen
möchte, — mit anderen Worten der »Kubismus«, — hat
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