Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

Page: 331
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1924/0780
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XXXV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

NOVEMBER 1924.

DAS HEIM ALS KULTUR-IDEE

DER HEIMSINN ALS KRAFT DER LEBENSGESTALTUNG

Unstät und flüchtig sollst du sein auf Erden!«
Das sicherlich ist das tiefste Anathem, das je
über den Menschen ausgesprochen ward. Und was
meint dieser Satz des zürnenden Gottes, der »Auge
um Auge, Zahn um Zahn« sprach, anderes als
daß dem Frevler der Sinn und die Ruhe für ein
dauerndes Wohnen, ein Behütetsein im Dasein,
das Recht, »ein Herz zu haben in der Welt«, ge-
nommen sein soll, daß er des Glücks einer wah-
ren Bleibe im Leben darben müsse, kurz, daß er
heim- und heimatlos auf diesem schönen Stern sei?
Man sollte heute kaum meinen, daß es nötig sei,
den alten Satz und seine Deutungen zu wiederholen.
Aber dem ist so: durch unsere Zeit geht ein Hang
zur Freizügigkeit, zum Unbesiedeltsein auf der
Welt, zur Ungebundenheit an die ewig-alte, ewig
junge Erde, daß dieser Umstand nicht allein der
durch die Mittel der modernen Verkehrs-Technik
erleichterten Freizügigkeit zugeschrieben werden
kann. Kein Wort gegen die Wanderseligkeit, gegen
die Reiselust ins Weite und Breite, die sich heute
geltend macht, aber eine Warnung ist not gegen
eine Lebensauffassung, die sich in einem losge-
lösten Umtreiben auf der Erde, in einem wirklichen
inneren Sich-Trennen von der Heim- und Hei-

mats-Idee neue kulturelle Befruchtungen ver-
spricht. Die Vagabundenfreiheit des Einzelnen
soll immer unangetastet bleiben, die Nomadenlust,
der pioniertüchtige Emigrationswille sollen bei sich
belassen werden, aber die Entheimung in der Welt-
gesinnung und Lebensanschauung verdient, daß
sie als eine kulturelle Gefahr angesprochen wird.
Es ist gewiß sehr poetisch und sehr schön, wenn
ein zeitgenössiger Dichter fragt: »Warumwerden
wir nicht wieder Völkerwanderer ?«, und behauptet,
das schweifende »Abenteurertum« sei »die einzig
große Form des Menschseins«. Weiser aber und
tiefer betete schon Hölderlin, als er die Zeitzeichen
vorher erkannte: »und gib ein Bleiben im Leben,
ein Herz uns wieder!« Es wird gut sein, hierzu
einen Seitenblick in die Kulturgeschichte der
Menschheit zu werfen. Was hat z. B. das alte Volk
der Griechen in den Läuften eines kleinasiatischen
Nomadentums geleistet, was in den Jahren der dori-
schen Völkerwanderung vollbracht? Aber in den
fünf Jahrhunderten, in denen es am Herzen der
Erde blühte, hat es die Tat der gültigsten Lebens-
gestaltung getan, ein Kulturgut geschaffen, von
dessen Erbe das stolze Europa heute noch lebt.
Gering ist als Beitrag zur Menschheitsentwicklung,

1921. XI. 1.
loading ...