Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT.RUDOLF BEHR—STUTTGART LANDHAUSER v.GRUNELlUS—STUTTGART

HAUS.'SEELE UND LANDSCHAFT

.,, zu den arbeiten von rudolf behr

Die Veröffentlichung der beiden Häuser v. Grunelius«,
— schreibt Architekt Rudolf Behr, »weckt die
Erinnerung an einen sonnigen Frühsommertag, welcher
die geschwungenen Linien und braunbunten Flächen der
welligen Reben-Hügel umschmeichelte und weiße Wol-
kenballen durch das warme Blau des Himmels schwimmen
ließ. Tausende von aufragenden Pfahlspitzen warfen
ihre hellen Lichtlinien nach den gegenüberliegenden dunk-
len Wäldern jenseits des Tales. Dort stand ich, und un-
willkürlich fing das Architekten-Herz an, eine Menschen-
Wohnung in diese Landschaft hineinzubauen: hell, flächig,
sichere Basis, nicht zu hoch, schirmende Dächer, breite
Fenster und Terrassen, die sich der Aussicht öffnen,
unschematisch, frei. Garten mit starkem Unterbau und
innigem Zusammenhang mit dem Haus. So dachte ich
es mir, und — merkwürdig — dieses Luftschloß wurde
sehr schnell zu einer zweifachen Wirklichkeit, ohne daß
ich es vorgeahnt hatte. Zwei Häuser entstanden, die,
individuell stark verschieden, doch im Zusammenhang
mit der Landschaft ein innerlich Gemeinsames aufweisen
mußten, die so stark auf einander hinsahen, daß sie, ob-
wohl getrennt durch eine Geländestufe, über diese Stufe
weg zusammenhielten, — etwa zwei Menschen gleich,
die nebeneinander unabhängig ihren Weg gehen, aber
sich doch jeden Augenblick die Hände reichen können..
So weit möchte ich kommen, daß jede meiner Menschen-
Wohnungen schon von außen ein Spiegel der Seele ihres

Bewohners ist, — wie dessen Gesicht, — und sich trotz-
dem als Bauwerk der umgebenden Landschaft einfügt«.
Diese kurze, aber impulsive Äußerung besagt mehr über
den Baukünstler und über das Werk als ein langer Be-
richt. Sie läßt den entscheidenden Grundton aufklingen,
auf dem sich das polyphone Werk aufbaut. »Aus der
Tiefe des Gegenstandes selbst muß der Gehalt des
Werkes geschöpft werden«, sagt Schiller. »Gegenstand«
ist hier: das Wesen der Landschaft und das Wesen
des Bewohners. Aus ihrer Tiefe heraus muß sich in
der klar gestaltenden Phantasie des Baukünstlers die
Form verkörpern. Aus der Tiefe des Unbewußten, visi-
onsartig auftauchend, gewann das Bauwerk in diesem Fall
seine Gestalt: zwei lebensvoll geschaffene Wohnbauten,
die selbständig und doch innerlich verbunden, frei und
doch in sinnvoller Beziehung, »wie zwei Menschen« in
der Landschaft stehen. Ein hübscher und wahrer Ver-
gleich, ein feines Wort, das Einblick in die Seele des
Architekten gewährt und freundliche Gedanken weckt,
die inmitten einer unfreundlichen Zeit veranlaßt werden,
mit der Beseelung unseres Bauschaffens sich zu be-
schäftigen und freudig den unbestreitbaren Wandel und
Fortschritt festzustellen, der sich hier vollzogen hat
und weiter vollzieht. Würden alle Baukünstler so
lebendig empfinden, denken und schaffen, dann wäre es
um unsere heimische Baukunst wahrlich gut bestellt.
Viele aber, das ist sicher, wandeln schon diese Bahn. l.

1924. II. 4
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