Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

HAUS NEUERBURG ZU KÖLN A. RHEIN BLICK ZUM GETAFELTEN ERKER IN D. HALLE

GEDANKEN ÜBER DEN RUNDBOGEN

Mit dem Bilde des Rundbogens verbinden sich für
uns Vorstellungen von Kraft und Pracht. Gehen
wir durch einen solchen Bogen hindurch, so ist es, als
habe ein hoher, schwungvoller Gedanke unseren Geist
berührt. Blicken wir ihn an, sehen wir seine klare Linie
sich entfalten, sehen wir sein Körperliches mit kräftigen
Licht- und Schattenwirkungen hervortreten, so erleben
wir Gefühle des Heiteren und Erhabenen, wir sehen
Klarheit des Gesetzes und ein ehernes, gewaltiges Muß.
Wir sehen das Tragende, Freie und Kühne der über-
spannenden Kreislinie und finden uns wunderbar gemahnt
an das Große in der Natur, das mit der Bogenlinie sich
verbindet. Im Bogen gehen Sonne, Mond und Sterne
über den Himmel, im Bogen breiten die siebenfarbigen
Lichtspiele im bestrahlten Regenschleier sich aus, Bogen
wölbt der Laubwald über unseren Häuptern . . Es ist
etwas Gelassenes und Mächtiges in der Rundung des
Bogens; richtig oder gar gesteigert zum menschlichen
Maß gestellt wirkt die Form des Bogens erhebend, denn
sie setzt der Schwere eine gewaltige, muskulöse Stärke
entgegen und überwindet sie bis zu kühner, schwebender
Freiheit. Der Rundbogen ist Ausdruck reinster Gesetz-
lichkeit, des Gesicherten, Festen im Irdischen, Diessei-
tigen, und wie zum Runden alles strebt, was in sich ge-
festigt und vollkommen ist, so gehen von der runden Linie

rückwärts wieder die Empfindungen der Vollkommenheit
und Endgültigkeit zum fühlenden Menschen zurück.
Der Rundbogen war das bevorzugte bauliche Motiv
einer vergangenen Zeit. Aber überall, wo es gilt, die
Gefühle eines festlichen, ruhenden und hohen Behagens
auszusprechen, werden wir auf ihn zurückgreifen müssen.
Er ist für uns in der Baukunst das Motiv eines Menschen-
typs, der sich als Herrscher fühlt, der eine Höhe er-
klommen hat, von der er gesichert und heiter herabblickt.
Es ist Stolz in ihm und Anspruch, ein hoher Mut und
eine freie, vollausgelebte Körperlichkeit. . Psychologisch
genommen entspricht der Rundbogen dem Lebensgefühl
von Menschen, in denen es nichts »Verdrängtes«, nichts
Verquältes und Verkrümmtes gibt, keine bösen Heim-
lichkeiten und keine »eingeklemmten Affekte«. Der
Rundbogen spricht von einer freien, klaren, starken Seele,
die im Diesseitigen sicher verankert ist. Es ist in ihm
der Geist der Klassizität, er gehört, gleich der Säule, zu
den ausgesprochen klassischen Motiven der Baukunst, er
hat das, was Winckelmann den Bildwerken der Alten
nachrühmte, die: »edle Einfalt und stille Größe« . . In
Arkaden wiederholt, ergibt er einen Akkord aus vollen,
reinen Tönen; er ergibt den »Orgelpunkt« in der »er-
starrten Musik« eines Bauwerkes oder einer Straße.
Der Rundbogen ist kein »Werden« und Streben, son-
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