Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

Page: 116
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1924/0259
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VOM RECHTEN GRUNDRISS-LESEN

ein guter grundriss: eine gute raumfolge

Architekt-. Nun, was haben Sie über meine Grundrisse
i\_ zu sagen? Sie scheinen wenig begeistert zu sein?
Kritiker: Wie soll man sich an Grundrissen begeistern?
Im allgemeinen werden sie doch nicht fürs Auge gezeich-
net, sondern sind Zeichen, Anhaltspunkte, um sich dar-
nach die Räume, die Lage der Fenster und Türen und
dergl. vorzustellen. Eine Partitur braucht doch auch
keinen ästhetisch wohlgefälligen Eindruck zu machen.
Architekt: Beim Grundriß verhält es sich doch anders.
Ganz abgesehen davon, daß schon im Strich der Zeich-
nung, im Graphischen die Klaue des Künstlers zum Vor-
schein kommt. Wenn wie hier das Zusammen der Linien
und Flächen, der Rechtecke, Ovale, der Geraden, der
Knickungen und Kurven nahezu ornamental wirkt, so
muß dem im Haus selbst doch ein ähnlicher Eindruck
der Räume und Wände entsprechen. Wie sich recht-
winklige und gerundete Räume folgen, das ist, hier wie
Sie sehen, wohl überlegt. Die Bewegung der Linien muß
in der Bewegung der Wände wieder angenehm fühlbar
werden. Ich wollte gewiß nicht einen ornamentalen Grund-
riß erzielen; aber meine Sorgfalt in der Verteilung der
Räume führt notwendig zu einem »schönen« Grundriß.
Kritiker: Ich bestreite durchaus, daß die gute Raum-
folge einen »gefällig-wirkenden« Grundriß ergeben muß.
Wenn im Grundriß die Figuren so absolut angenehm
zusammengehen, braucht das auf die Räume selbst nicht
zuzutreffen. Einmal: Beim Anblick der Wände sehen
und empfinden wir Flächen. Im Grundriß dagegen sind
sie Striche, mehr oder minder starke. Gerade die Stärke
dieser Striche ist in Ihrem graphischen Gebilde von
Wichtigkeit. DieWand dagegen wirkt leicht oder schwer,
je nach ihrer Oberflächen-Behandlung, nicht nach der
Zahl der Steine. Eine leichte Rundung kann in der Linie
bezaubernd wirken. An der Wand ist sie entweder über-
haupt nicht bemerkbar oder direkt unerträglich. Die Ei-
form — als Ornament, auch als Körper schlechthin gut,
wäre als Raum eine Unmöglichkeit. Es gibt nur wenige
Raumformen, die uns als solche zum Bewußtsein ge-
bracht werden können. Das gedrängte Oval wird als
Kreis, als mangelhafter Kreis! — aufgefaßt. Die über-
schlanke Ellipse der Grundrisse wirkt im Raum als langes
Rechteck mit Apsis an beiden Enden. Nichts ist im
Raum gefährlicher als Unbestimmtheit. Auch das Barock
hat — trotz raffinierter Baukünste — höchstens bewegte
Wände (mit Hilfe »zeichnender« Säulenreihen, be-
tonender Simse usw.) erzielt, der bewegte Grundriß
des Raumes kommt nicht zum Bewußtsein. Oder doch
anders, als das »Ornament« des Grundrisses vermuten läßt.
Architekt: Sie werden aber wohl nicht bestreiten, die
Barockgrundrisse wirken oft hochinteressant. Sie zeigen
immer klar, worauf es dem Baumeister angekommen ist.
Kritiker: Und ich weiß nun wohl auch, wo Ihre Grund-
rißtheorie zuhause ist. Man kann auch die Barockgrund-
risse falsch lesen. Einige Übereinstimmungen sind tat-
sächlich vorhanden: Die Säulenreihe wirkt als Auflösung,
ähnlich wie die punktierte Linie, ihre Niederschrift. Die
dicken Klexe, die sich aus den Grundrissen so markant
herausheben, entsprechen den dicken Säulen und Pfeiler-
bündeln, die den Raumeindruck beherrschen. Die viel-
fachen Unterbrechungen charakterisieren den barocken

Grundriß und die barocke Wand. Aber: Der Gesamt-
eindruck von Grundriß und Raum ist doch verschieden.
Im Grundriß trotz Bewegung: Einfachheit und kompakter
Zusammenhalt. Im Raum flackernde Unruhe, Leiden-
schaft, Auflösung der Masse. Und trotzdem ein Ge-
fühl der Sicherheit. Architekt: Ganz richtig. Man ahnt
das solide Gerüst unter der aufgeregten Oberfläche . .
Kritiker: Es wird wohl immer so sein, daß der Grund-
riß seinem Aussehen nach mehr dem statischen Gerüst
entspricht, das den Bau trägt und der Raumbildung zu-
grunde liegt. Je aparter also der Grundriß, desto näher
liegt die Gefahr, daß die Räume und Raumfolgen un-
architektonisch wirken .. Architekt: Aber als Architekt
muß ich doch vom Grundriß ausgehen. Und wenn ich
nun mal unter dem Zwang stehe, was ich schreibe oder
zeichne, auch graphisch gut machen zu müssen? Einen
dieser nüchternen Baumeister-Grundrisse wehrt sich ein-
fach meine Hand zu zeichnen . . Kritiker-. Einmal: Der
Architekt geht nicht vom Grundriß aus. Das ist ein
allerdings weit verbreiteter Irrtum. Er fängt an mit der
Idee des Hauses, die sich in seiner Phantasie bildet.
Zuerst ist die Vorstellung des Hauses, die Vorstellung
der Räume. Und dann folgt die allmähliche Nieder-
schrift dieses geistigen (dreidimensionalen, farbigen)
Planes. So sollte wenigstens die Reihenfolge sein.
Wenn Sie durch diese vorgestellten Räume wandern
und aus der Vorstellung der Räume, Farben, Stoffe,
Zwecke, Stimmungen heraus verbessern und vervoll-
ständigen, so werden Sie raumgemäß erfinden. Sie können
nachher keine unangenehmen Überraschungen erleben.
Erst nachher wird gezeichnet, werden die Maße fest-
gelegt, abgegriffen an der Vorstellung! Wer so verfährt,
wird auch die Grundrisse anders ansehen. Ein guter
Grundriß wird ihm der sein, der die Vorstellung einer
guten Raumfolge hervorruft. . . . anton jaumann.



DIE SPRACHE DER LINIEN.

Eine »formbildende« Begabung ist die Voraussetzung
für die freie Kunst, eine »rhythmische« Begabung
ist der Kern der Voraussetzung für den architektonischen
Künstler. Nur wenn das Gefühl für rhythmische Werte
in ihm wohnt, kann er in der Architektur ein Künstler
werden . . Das »Zeichnerische« ist in der Architektur
nur ein Zwischenzustand, es ist nicht Selbstzweck. Bei
dem Bauen soll ein geistig geschauter Organismus in
reale Massen umgesetzt werden. Derjenige, der ihn
geistig geschaut hat, muß seinen Willen auf andere über-
tragen, das kann er nur durch die Zeichnung erreichen.
Das architektonische Zeichnen ist also schließlich nichts
anderes als eine systematisch ausgebildete »Sprache«,
um all den verschiedenen ausführenden Kräften unaus-
gesetzt Befehle zu geben. Vom kleinen Maßstab aus-
gehend wird schließlich die naturgroße Einzelheit erreicht,
und so wird ein System von Zeichnungen gebildet, das
wie eine Präzisionsmaschine die hundertfältige Arbeit
am Bau so lenkt, daß hier automatisch genau das entsteht,
was im Geiste vorgeschaut wurde . . Diese Sprache
der technischen Zeichnung ist das, was der Architekt
hauptsächlich zu lernen hat . . . prof. fritz Schumacher.
loading ...