Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

im antiken Säulentempel den stilisierten Götterhain, in
den Rundhütten der Steppenbewohner die Wiederholung
des Himmelsgewölbes, langgestreckte Dünenbäuser an
der Waterkant stellen nachbildend Dünungen dar .., nun
lauschen sie den Kristallformen der Gesteine und ver-
senken sich in die Raumstimmungen eines Waldes, bis
sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen . .
Der große Wille nlso ist gut, und wenn der heilige Bau-
geist nochmals über die Erde geht, — dann wird sicher
das kommen, was all dieser Sucher Sehnsucht ist, und
was doch die stärkste Anstrengung des Einzelnen oder

Mehrerer nie schafft: der wirkliche neue Stil«.....

Heute schon mutet diese kunterbunte, viele Wahr-
heiten enthaltende Schilderung aus den Werkstätten der
»grauen« Theorie wie eine Legende an. Die nüchterne
Neuzeit beginnt alle Schaffenden der Wirklichkeit um
ein gutes Stück zu nähern. Schon zeigen sich an modernen
Gebäuden bestimmte, ganz allgemein gültige Züge des
formenden Zeitwillens. Es wäre nicht zu verwundern,
wenn die junge Architektur-Generation unter dem Druck
von Außen und aus der Not von Innen zu einer »Norm«
hinfände. Und dann hätten wir, — ohne daß man es
noch gestern gewußt hätte, — weder auf sucherischem
Wege der Theorie, noch auf fiuderischem Wege der
Spekulation, sondern auf natürlichem Wege einer vom
Zeitgeist bestimmten Entwicklung das, was wir alle
wollen und wünschen: den neuen Stil. . Heinrichgeron.

DER RICHTIGE MASSTAB

Wie groß ist die Zahl der innerlich unbefriedigten
Künstler, denen nie der Erfolg blühte, weil ihre
Kraft nicht dazu ausreichte, oder die den leichten Publi-
kumserfolg eines verdrossenen Tages dem ernsten Be-
mühen vorzogen. Auch sie quält das Bewußtsein, daß sie
die Welt um keinen Schritt weiterbringen. Nur der be-
deutende Künstler kann mit wirklicher Freude an seinem
Werke sein, aber nicht weniger der bedeutende Hand-
werker. Denn auch dieser leistet etwas, und seine
Kulturleistung, die den Menschen zu würdigem Wohnen
und würdigem Leben nicht weniger verhilft als die
hohe Kunst, wird von keinem redlich Denkenden gering
eingeschätzt . . Man kann sich dem Eindruck nicht
verschließen, daß für die zahlreiche Jugend, die heute
eine künstlerische Laufbahn antreten will, im Grunde oft
eine Respektlosigkeit vor der wirklichen Kunst bestim-
mend ist. Die leicht erworbene Uberzeugung nämlich:
»Was jene können, das kann ich auch, oder doch bei-
nahe«. Darum sollte für jeden werdenden Künstler oder
Kunsthandwerker eine kritische Vertiefung in neue und
alte Kunst die Voraussetzung sein, weil sie den Maßstab
zur Erkenntnis wirklichen Könnens gibt, jenes Könnens,
das nicht nur aus Fleiß besteht und nicht erworben
werden kann, sondern aus einer Tiefe der Veranlagung
kommt, die nur bei wenigen vorhanden ist. albert baur.
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