Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT WILHELM JONASCH - WIEN BIBLIOTHEK. AUSFÜHRUNG : JOH. JONASCH

MÖBEL UND RAUMKUNST IN WIEN

ZU DEN ARBEITEN VON ARCHITEKT WILHELM JONASCH

Wenn man durch die Straßen Wiens spaziert, um, das Zweckmäßige nicht dargestellt oder überwunden,
nach Goethes Wort, zu sehen, »wie herrlich weit sondern »versteckt« werden soll, denn die gesunde
wir es gebracht« haben, so wirken auf Auge und Gemüt Zweckmäßigkeit kann bloß gehen, bedarf keiner Um-
die verschiedensten Reiz-Kategorien aus denBegegnungen kleidung. Die Zeit der Zuckerbäcker- und Überguß-
der täglichen Umgebung. Aber festzustellen, was wirk- Architektur der Gründerjahre hat in Wien wesentlich
lieh neu und bemerkenswert ist, kann eigentlich niemand angenehmere Denkmäler hinterlassen als in Deutschland
wagen, der selbst dem lebendigen Stadtorganismus als und konnte demnach nicht von so nachhaltend vergiften-
kleinste Zelle eingewoben und deshalb mit Auge, Herz der Wirkung sein. Die Konfektions-Architektur ist in
und Hirn verpflichtet ist. Trotzdem erfühlt man auch Wien gering. Stärker als der Zweckarchitekt Otto
ohne Distanz die besondere Tendenz, welche die Eigen- Wagner, der nur zu seinen Lebzeiten wohltuenden Ein-
tümlichkeit Wiens ausmacht und jene Charakteristik zu fluß auf das Stadtbild nehmen konnte, war aber die bür-
verleihen vermag, die schon oft zum Ausgangspunkt eines gerliche Romantik und die Biedermeierei, die im Über-
künstlerischen Impulses wurde. Auch andere Städte schwang ihres unorganisierten Wollens von der Renais-
haben sich in den Schätzen ihrer vergangenen Jahrhun- sance angefangen alle Stilarten sich abspielen ließ. . . .
derte die Macht-Romantik bewahrt, und hier wie anders- Und heute sind wir endlich wieder dort, wo, wie es
wo tritt die Vorstellung von Reichtum, Größe und Pracht scheint, Wien's Gesicht sich allmählich durch einen neuen
mit Behagen in das Licht des Bewußtseins. Auch andern- Zug belebt, der in glücklicher Form den Zweckdingen
orts sind es die kalten Reize jener fast absoluten Reali- noch einen Hauch von Phantasie beläßt, ohne Transzen-
täten, aus den Lebensnotwendigkeiten des Augenblicks dentales ausdrücken zu wollen. Allenthalben macht sich
gestaltet, die keinen Anspruch auf Ober- und Untertöne ein frisches und sachliches Zugreifen in Architektur und
stellen und das Bewußtsein passieren, ohne die ästhetische Raumkunst bemerkbar. Ohne den Ballast irgendwelcher
Phantasie irgendwie in Anspruch zu nehmen. Hier wie absichtsvoller Reminiszenzen oder einer vorgefaßten,
überall werden diese Objekte zum Gräuel, wenn in ihnen äußeren Tendenz wird dem Zweck seine eigene, objek-

1924. X. 3.
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