Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

tive Form belassen, alle Teile sind organisch tätig und
ihr Ausdruck ist die notwendige Erscheinungsform eines
völlig mit dem Zweck übereinstimmenden Willens. Da
und dort ist die leise Korrektur einer Linie notwendig,
die der tiefen Musikalität des Wieners widerspricht. Oft
muß die Farbe etwas satter getönt werden, oder es wird
irgendwie der Reflex eines heiter spielenden Gemütes
sichtbar. Immer geschieht dies aber mit einer tiefen Ver-
antwortlichkeit vor den spezifischen Eigenschaften des
Materials, und aus den letzten Formen in der Raumkunst
spricht etwas handwerklich völlig Sicheres, eine
unbedingte Vertrautheit mit den Notwendigkeiten des
Entstehens, die ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn
man weiß, wie viele der führenden Wiener Künstler
aus dem Handwerkerstand hervorgegangen sind.

Architekt Wilhelm Jonasch, aus der Lehre seines
Vaters, der eine bedeutende Werkstätte leitet, der Kunst-
gewerbeschule zugegangen und Schüler Professor Hoff-
mans, dessen Atelier ihn viele Jahre beschäftigte, gehört
zu jenen, die, durch die Klarheit der Bestimmung und
allein durch die ehrliche, handwerkliche Gesinnung wir-
ken wollen. Nichts ist an seinen ruhigen, vernünftigen
Möbeln zu viel; die Masse wird auf ihre unbedingte
technische Notwendigkeit reduziert. Statt der Schnitze-
reien und reichen Profile wirkt das sorgfältig ausgesuchte,
gut geformte Holz, dessen Maserung bis in die feinsten
Töne herausgeholt wird. Trotz der Betonung alles
Zweckhaften bleibt der Phantasie noch ein leises Spiel
gestattet. Man fühlt sich in den Räumen dieses Archi-
tekten wohl, was viel besagt, dr. Armand weiser—wien.

WOHNUNGSKUNST i

bemerkungen für

Im »Sprechsaal« der »Innen-Dekoration« finde ich fol-
genden Satz: »Beim Anblick der vorzüglichen Ab-
bildungen schöner, neu eingerichteter Innenräume in der
»Innen-Dekoration« regt sich zuweilen der Wunsch, Ab-
bildungen dieser Wohnräume nach Verlauf einiger Jahre
zu sehen und zu beobachten, ob und wie weit der Be-
sitzer oder die Besitzerin den Raum aus praktischen oder
aus eigenen geschmacklichen Rücksichten »umstellt« hat,
um ihm erst dann seinen dauernden Charakter zu geben.
Ein Vergleich zwischen diesen beiden Zuständen könnte
lehrreich und fördernd sein.« .. Dieser Satz ist geeignet,
den modernen Raumkünstler, wie den Möbelfabrikanten
zu einer gründlichen Gewissens-Erforschung zu veran-
lassen. Wenn man diesen Satz seiner schonenden, vor-
sichtigen Fassung entkleidet, dann heißt er nämlich nicht
anders als: »Bitte meine verehrten Herren Architekten
und Möbelfabrikanten, überlegen sie sich einen Augen-
blick lang, ob Sie nicht beim Einrichten von Häusern und
Räumen, die menschlichen Wohnzwecken dienen sollen,
von falschen Gesichtspunkten ausgegangen sind, ob Sie
nicht über all den Fragen, die zur Debatte gestellt wurden,
die Hauptsache vergessen haben, nämlich die wichtigste

Frage nach der Wohnlichkeit«.........; . .

Wir haben künstlerisch hochwertige Räume für die
verschiedensten Zwecke festgelegt. Der Schalterraum
einer Großbank, eine moderne Konditorei, ein Theater-
foyer, ein Kino, eine Bar, ein Tanzkasino, all das sind
Räume, die heute mit absoluter Selbstverständlichkeit
modern geschaffen werden. Wir haben zweifellos eine
hochentwickelte, zeitgemäße Raumkunst. Diese zu-
nächst genannten Räume dienen einer ganz eindeutigen
Zweckbestimmung. Diese eindeutige zeitgemäße Zweck-
bestimmung ist einer der Hauptgründe, weshalb wir
modernen Raumkünstler diese künstlerisch so sicher lösen.
Wir sprechen aber, vielleicht unbewußt, noch viel zu
viel von »Raumkunst« anstatt von »Wohnkunst«. Wich-
tiger als der Typ des »Raumkünstlers« wird uns der

neue Typ des »Wohnkünstlers« werden.......

Wie kommt es, daß eine vom Raumkünstler geschaf-
fene Reihe von Räumen, ausgestattet mit künstlerisch
hochwertigen Möbeln, durchaus kalt lassen und keine
Wohnlichkeit in sich tragen kann, die aber zuweilen beim
Nachbar vorhanden ist, der sich keineswegs so hoch-
künstlerisch eingerichtet hat? Es dürfte da wohl der

3DER RAUMKUNST?

den »sprechsaal«

Nachbar eben ein Wohnkünstler sein, das heißt ein
Mensch, dem die Kunst gegeben ist, aus seinen Räumen
und seinen Möbeln eine »Wohnung« zu machen. . .

Es lohnt sich daher, den tieferen Gründen dieser Er-
scheinung nachzugehen, die immer wieder scheinbar alle
modernen Prinzipien der Raumgestaltung umwirft. Der
Wunsch: »umstellen« zu können, scheint ein Weg-
weiser zu den Kernpunkten der Wohnkunst zu sein. Wo
immer die Räume einer Wohnung als Räume durchaus
eindeutiger Zweckbestimmung gestaltet wurden, werden
solche auch nach Jahren nicht umgestellt werden können,
denn sie sind ein für allemal festgelegt. In den meisten
neuzeitlichen Wohnungen finde ich ein Speisezimmer mit
eindeutiger Speisezweckbestimmung, ein Empfangszim-
mer mit eindeutiger Empfangsbestimmung, ein Herren-
zimmer mit eindeutiger Schreibbestimmung und bin ver-
sucht, einem Freunde, der mir seine so gestaltete Woh-
nung vorführt, zu sagen: »Gut, hier speisest Du, dort
schreibst Du, dort empfängst Du, — aber sage mir: wo
wohnst Du eigentlich?« Ich glaube nicht, daß der Be-
griff »Wohnen«, von der Gemütsseite her erfaßt, einfach
mit der Erfüllung einer Reihe von Tätigkeiten sich er-
schöpfen läßt, die sich in, von einander getrennten,

Räumen innerhalb eines Hauses abspielen........

Räume mit einer ausgesprochenen Wohnstimmung
treffen wir bezeichnenderweise in der Kleinstadt, auf
Gutshöfen und dergl. immer wieder an, wogegen wir sie
in der Großstadt seltener finden. Der Mensch der Groß-
stadt hat vielleicht überhaupt das Wohnen in den Vor-
kriegsjahren verlernt, es hat sich dessen Leben und
dessen Geselligkeit vielleicht nur zu viel in Hotel- und
Clubräumen abgespielt. Für solche Großstädter arbeitete
jedoch der moderne Raumkünstler, und die Ergebnisse
waren solche, daß der Gutsbesitzer sich mit Recht sagen
konnte, diese modernen Großstadtmenschen und Groß-
stadtkünstler können überhaupt nicht »wohnen«.....

Unter den heutigen, in vielen Dingen doch recht er-
zieherischen Einschränkungen kehrt jedoch auch der
Großstadtmensch immer mehr mit seiner Geselligkeit in
seine Wohnung zurück und wird »wohnen« lernen.
Der Raumkünstler wird deshalb dazu gezwungen werden,
seine bisherigen Prinzipien, nach denen er beim Ein-
richten eines Hauses zur Wohnung verfuhr, einer Revi-
sion zu unterziehen. Er wird bei Räumen, die zum
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