Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKO RATION

architekt fritz reichl in wien

kleider-ablage. zebranoholz. haus h.

RAUM-EMPFINDLICHKEIT

Tn einem Briefe an W. von Humboldt schrieb
1 Schiller: »Goethe verlangt von einem schönen
Gebäude, daß es nicht bloß auf das Auge berech-
net sei, sondern auch einem Menschen, der mit
verbundenen Augen hindurchgeführt würde, noch
empfindbar sein und ihm gefallen müsse.« Solche
Raum-Empfindlichkeit muß da sein, wenn
Architektur als Erlebnis aufgenommen werden
soll. Erst solches Empfindungs-Vermögen, das
»mit verbundenen Augen« Eindrücke vom Raum
gewinnt — und zwar effektive, Lust- oder Unlust-
betonte Eindrücke, von denen aus ein Gefallen
oder Mißfallen ausgesprochen werden kann, — gibt
dem Architektur-Erlebnis den eigentümlichen
Gehalt, die spezielle Wertigkeit, durch die es
neben dem »Bild-Erlebnis« und neben dem vom
plastischen Kunstwerk ausgehenden »Körper-
Erlebnis« seine ganz besondere Geltung hat. . . .

So müßte eigentlich in die allgemein bildende
Erziehung des heranwachsenden Menschen, in
der es eine Schulung des Auges und eine Schulung
des Ohres gibt, auch eine Ausbildung dieses

Empfindungs-Vermögens, das in jedem Men-
schen mehr oder minder als Möglichkeit vorberei-
tet ist, geben. Wie der Farbensinn des Auges oder
wie die Musikalität des aufnehmenden Ohres
durch Anleitung »gebildet« werden kann, und wie
diese »Bildung« für unsere Organe — und darum
für uns überhaupt — eine Aufnahme-Bereitschaft
darstellt, durch die unser Leben — im wahrsten
Wortsinn — »reizvoller« wird, so bedeutet auch
ein entwickeltes Raum-Empfindungs-Vermögen
eine Bereicherung für uns: es macht uns im
»Räume« reagiler, reicher an Reaktionen.

Im allgemeinen ist dieses Gefühl heute etwas
verschüttet, das Raum-Gefühl ist noch stark
»körperlich« gebunden, d. h.: Architektur und
Raumgebilde werden nicht viel anders angesehen
als Plastik. Aber die heutige Architektur, in der
viele Kräfte wieder auf wahres Raum-Schaffen
eingestellt scheinen, wird beitragen zur Neuer-
schließung jener Gefühlssphäre, in der man, wie
Goethe sagt, auch »mit verbundenen Augen«
Raum zu empfinden und zu erleben vermag.. a. w.
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