Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKOR ATI ON

145

MAX PAUL
SCHMIDT.
DAMEN-
ZIMMER

TYPOLOGIE DER BEWOHNER

Jeder Architekt, der Wohnhäuser baut und
Wohnungen einrichtet, muß richtigerweise
»praktischer Psychologe« sein. . Immerhin
ist psychologischer Scharfblick, höherer Grad
intuitiven Einfühlungs-Vermögens nicht jedem
Architekten zu eigen. Ihn dort zu ersetzen, wo
er fehlt, oder ihn dort auszubilden, wo er als Be-
fähigung vorhanden ist, ist eine besondere Auf-
gabe unserer neuzeitlichen »Wohnkunde«.

Ihren Unterbau — die Basis aller Untersuch-
ungen, die man mit dem Wohn-Raum vornehmen
wird, — bilden Physiologie und Psychologie: die
physisch-psychische Verfassung des »modernen«
Menschen wird als Kriterium angesehen, d. h.: es
wird systematisch die Frage gestellt: wie »wirkt«
dieser oder jener Raum, diese oder jene Form auf
ihn? . Nun wirkt das Gleiche nicht in genau der
gleichen Weise auf jeden Menschen, die Wirkung
hängt vom »Charakter« des Individuums ab;
aber in der Vielzahl individuell schattierter Erleb-
nisse werden sich doch große Gruppen bilden, die
jenen Gruppen entsprechen, in die sich mensch-
liche »Charaktere« als »Typen« einordnen las-
sen. Jene übersichtliche Zweiteilung, die — auf
physiologischen und psychologischen Untersuch-

ungen fußend — die »konstitutionellen Typen«
des europäischen Menschen aufzeigt: nämlich den
»zyklothymen« und den »schizothymen« Typ, die
sich schon im rundlichen oder schlanken Körper-
bau (als »pyknischer« und als »asthenischer« Typ)
mit aller Deutlichkeit voneinander abheben, —
sie kann von einer systematischen Wohnkunde
und Raum-Wissenschaft gut zur Ausbildung einer
»Typologie der Bewohner« verarbeitet wer-
den. Denn: die Gesamt-Konstitution bestimmt
das physische und seelische Verhalten zu den
Dingen, ergibt die besonderen Eigentümlichkeiten
im Erleben, im »Reagieren« auf die Dinge.

Die nähere Untersuchung dieser Reaktions-
Formen — in Bezug auf den »Raum«, auf den
»Wohn-Raum« im besonderen —würde dann
Ergebnisse liefern, die dem Architekten die
Arbeit erleichtern. Nicht gerade so, als stände
ihm dann eine Art Kartothek zur Verfügung, die
zu jeder am Auftraggeber sichtbaren konstitutio-
nellen Eigentümlichkeit gleich die entsprechende,
notwendige Wohnung beschriebe, aber doch als
ein gewichtiger Hinweis, der das Einfühlungs-
Bestreben des Architekten von Anfang an nach
der richtigen Seite lenkt. . Dr.alfred wenzel.

i»3i. iv. a.
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