Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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DIE »VERKLEIDUNGEN« IN DER WOHNUNG

auch die verkleidungen dienen bestimmten zwecken

Worte wie Wand-Verkleidung, Boden-
Belag, Beleuchtungs-Körper geben zu
denken. Man geht weiter, findet noch das »Fur-
nier«, den »Dekorations- Stoff« auf Kissen und
Polstern und die »Fenster-Verkleidung« — und
entdeckt, daß jede kultivierte Wohnung gleich-
sam in einem, der reinen Zweckmäßigkeit »über-
gestülpten« Bild besteht, einer »Verkleidung«.
Man findet da für viele solche Verkleidungen
Zweckmäßigkeits-Gründe, wie: ein tapezierter
Raum ist wärmer als ein nur getünchter, Teppiche
wärmen und dämpfen den Schritt; Beleuchtungs-
Körper konzentrieren das Licht auf die gewünschte
Stelle; Vorhänge schützen vor fremder Neugier;
Furnier schenkt dem Möbelbauer mehr Freizügig-
keit im Entwerfen, oder ähnliche Begründungen.

Aber ist nicht jede solche »Verkleidung« auch
ein geistiges Geschehen? Was geschieht, wenn man
eine Wand färbt oder sonstwie »kleidet«? Was
ist denn diese Wand oder der Boden? Was sind
Möbel und Polster, Beleuchtungs-Körper und
Fenster-Vorhänge? Wand und Boden schaffen den
Raum, der uns dient, Möbel und Polster sind
Gerät, sind Materie, die uns dient. In Beleuch-
tungs-Körpern und Fenstern ist das Licht, das
Tages- und das künstliche Licht. Die Drei aber
sind nicht nur für den äußeren Menschen da.
Sie können Einfluß üben, Dienst tun und Werte
vermitteln auch dem Geist, der Seele des Men-
schen. Daher werden sie nicht nur äußerlich-
zweckmäßig gestaltet, sondern auch nach einer
»seelisch-geistigen Zweckmäßigkeit«. Sie
ist das, was meist als »Verkleidung« erscheint.



»Verkleiden« wird oft mit »Verstecken« ver-
wechselt. Das kann nur geschehen, wo man
die Dienstmöglichkeiten der Wohngegebenheiten
Raum, Materie und Licht nicht voll erkennt.. Ver-
kleiden kann hier heißen: geistiges Auswerten.
Eine »Wand« erfüllt ihren äußeren Zweck auch
einfach getüncht. Aber sie wirkt anders auf den
inneren Menschen, ob sie hell oder dunkel, senk-
recht oder horizontal gestreift, gemalt oder natur-
getäfelt ist, ob sie mit gleichem Kleid in die Decke
oben hinüberwächst oder, aus Spiegeln gebaut,
sich selbst scheinbar auflöst. Ein »Fußboden«
ist »Tragfläche«, wie er auch aussieht, wenn er nur
stabil ist. Aber es ist ein anderes Erlebnis, wenn
man auf weichen Teppichen geht, als auf harten
Fliesen, anders auf warmem Holz, anders auf exoti-
schen Matten. So kann Raum in vielerlei Art »tönen«
oder »sich anfühlen« oder wie man das Raum-
Erlebnis bildlich auszudrücken versuchen mag.
Wer nicht abgestumpft ist, empfindet auch den
Unterschied zwischen massiven Möbeln und sol-

chen, die aus Rohbau und Furnierkleid bestehen.
Anstrich, Schleiflack ist nicht nur Schonung, son-
dern gleichzeitig auch ein Überbetonen der Form,
Linien und Flächen des überdeckten Materials.
Es hängt hier alles davon ab, wie weit man Möbel
»räumlich« oder »körperlich«, als »eigene Indivi-
dualitäten« erlebt. Der eine erlebt sie mehr nach
der einen, jener mehr nach der andern Richtung
und wird danach die Oberfläche der Möbel ge-
stalten. Die Stoffe im Wohnraum sind immer
irgendwie gefärbt oder gemustert. Zum Teil nur
aus Gründen der reinen Zweckmäßigkeit. Zum
anderen, überwiegenden Teil sind die Farbstim-
mungen und reichen Musterungen > Verkleidungen«.

In unsern Wohnungen sehen, erleben wir Raum
und Einrichtung erst durch das Licht. Vorhänge
müssen manchmal auch deshalb da sein, um das
von draußen einströmende Licht zu dämpfen oder
um es zu färben. Gedämpftes Licht, gefärbtes
Licht hat ein anderes »Amt«, eine andere Auf-
gabe, als »nur beleuchtendes« Tageslicht. Mehr
noch als beim Tageslicht bedient man sich der
»Licht-Tönung« bei der künstlichen Beleuchtung.
Man hat diese »Licht-Verkleidungen« zu einem
wahren Licht- oder Farbenkultus ausgebaut. Die
Farbenphantasien der Allerwelts-Seidenschirme
werden zwar immer mehr abgelöst von der »sach-
lichen« Beleuchtung, in der nur noch Chrom-
nickel und Milchglas mitwirken, — aber selbst
hier wird das Licht nicht anarchisch auf den Raum
losgelassen. In Röhren wird es geleitet, zu be-
stimmter Leuchtkraft befohlen, gemildert oder
durch Spiegel verstärkt. Kaum je hatte man ein
Licht, das so »biegsam« war, so gestaltungsfähig
im willigen Dienste der »höheren« Zweckmäßig-
keit im Wohnraum. . . . Elisabeth stuart-mährlen.



GEWÄHREN LASSEN.« Goethe schrieb ein-
mal auf, daß er »angesichts eines Druckfeh-
lers immer denken müsse, es sei etwas Neues
erfunden worden«. Eine leichte Bemerkung. Und
doch gewährt sie einen tiefen Einblick ins Wesen
des großen Lebenskünstlers. Sie bezeugt, daß er
an die göttliche »Freiheit« der Dinge glaubte, daß
er die Kräfte des »Zufalls« liebte und schätzte,
daß er erkannte, daß nichts im Leben vorher ganz
auszurechnen, zu erklügeln ist. Er wußte — und
bis zu einem gewissen Grad weiß das jeder Künst-
ler, daß man dem Unerwarteten, Unverhofften
»Spielraum« lassen muß. . Gerade der schaffende
Künstler muß an den »Spielraum« glauben, muß
immer gewärtig sein, daß ihm der goldne Augen-
blick Geschenke zuträgt; er muß verstehen: die
Dinge, die gelegentlich für sich selber »spielen«
müssen, »gewähren zu lassen«. . Heinrich geron.
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