Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKTIN LIANE Z1MBLER-WIEN u. PRAG

HERREN-ARBEITSZIMMER. WOHNUNG Dr. E.

ALLGEMEINE UND SONDER-FORM

Die Frage, wie weit sich die menschliche
Individualität in Wohnung und Kleidung,
Auftreten und Lebensstil zur Geltung bringen
dürfte, kann immer nur vom Standpunkt einer
bestimmten Epoche aus beantwortet werden. Es
hat Zeiten gegeben, in denen der einzelne Mensch
das Besondere seiner Existenz lebhaft empfand
und diese seine Besonderheit gegenüber der Mit-
welt und Umwelt deutlich hervorheben durfte. Es
hat andere Zeiten gegeben, da die Einfügung
in den Stil der Allgemeinheit das fruchtbare Prin-
zip war. Es läßt sich darüber höchstens das Eine
sagen, daß das Individualitäts-Bewußtsein immer
dann vordringt, wenn eine altgewordene Ein-
fügung abgeräumt werden muß, und daß es zu-
rücktritt, wenn eine neue Allgemein-Bindung auf-
gebaut werden soll. Eine für alle Zeiten giltige
Antwort aber kann auf die gestellte Frage »Indi-
vidualismus oder Typisierung« nicht gegeben wer-
den. Jedes Zeitalter hat da seinen besonderen
Stern.. Wie sieht die Frage heute? Ganz offenbar
so, daß in den Dingen der Wohnung, der Kleidung,

des Lebensstils die Tendenz zur Einfügung
die führende Tendenz ist. Mag man es begrüßen
oder bedauern: so oft sachlich nach der Tatsache
gefragt wird, ergibt sich, daß die allgemeine
Form heute gegenüber der »partikularen«
Form die höhere Geltung, die stärkere Werbe-
kraft, die zeitgemäße Geberde hat. Wir empfin-
den jede besondere Betonung der Individu-
alität als schrullig, als minderwertig, als unreif
oder als kränklich — je nachdem. . Wenn die
Zeit E.T.A. Hoffmanns einem verkauzten Einzel-
gänger begegnete, hatte sie Freude oder doch ein
gruseliges Interesse an ihm. Heute würde eine
solche Erscheinung einer lächelnden oder gelang-
weilten Ablehnung begegnen. Sie wäre sogleich
Objekt unserer wachen Psychologie. Wir würden
sie fragen: warum sie denn die gute, erprobte
Allgemein-Form nicht ertrage? Wir würden die
»schwache Stelle« in ihrer Struktur suchen, die
sich durch betonten Individualismus zu schützen
oder in Stärke umzulügen sucht. Das ist nicht Will-
kür oder Laune unserer Zeit, sondern ihr Gebot.

1931. VIII. 8.
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