Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKO RATION

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»haus & garten« frank u. wlach-w1en

zimmer der tochter. haus b. in h1etz1ng

BAUWEISE UND FORMSINN

Einwände gegen die neue Bauweise laufen im
großen Ganzen immer auf den einen Punkt
hinaus, daß sich zwar der Mensch als praktisches,
soziales Lebewesen in dieser neugeordneten, be-
dingten Welt klarer, sachlicher Gestaltung zurecht-
finden könne, daß sie aber dem Menschen als Ge-
samt-Geschöpf, als Total-Wesen nicht entsprechen
könne... Mit andern Worten: der Vorwurf wird
erhoben, daß unsre moderne Wohnkultur nur teil-
haft, nicht kosmisch sei, daß sie nur der Lebens-
Mechanik diene und andre, geheimere, seelenhafte
oder gefühlsmäßige Bedürfnisse des Menschen
außer acht lasse. Man sagt: so zu wohnen ist nur
»vernünftig«, — aber es befriedigt den ganzen
Menschen nicht, — dies ist ein großartig ausge-
klügelter Haus-Apparat, ein technisch, hygienisch-
rationales Gebild, aber das gewohnte mensch-
liche Gesicht fehlt, das »Herz« kommt zu kurz...

Demgegenüber ziemt es, zu bedenken, daß
Technik, Rationalismus, sachliche Kenntnis der
dynamischen Lebensvorgänge usw. unstreitig die
allgemeinsten Wahrzeichen des modernen Lebens-
standes sind. Es wäre also schlimm bestellt, wenn

die heutigen Baumeister und Innen-Architekten
diese deutlichsten Züge im Antlitz der Zeit nicht
einbeziehen könnten, oder verhehlen oder ver-
leugnen würden. Eine wissenschaftlich-rational,
technisch gerichtete Ära kann sich in einer so
praktischen Sache wie der Wohnkultur nicht
den lebendigsten Zeitströmungen, dem positiv
gegebenen Zeitcharakter versagen. . Im Übrigen
entspricht die moderne Formenwelt so gut dem
Gesamtmenschen, wie irgend eine historische Bau-
weise. Architekten und Innengestalter von heute
arbeiten wohl mehr als Konstrukteure und Tech-
niker, als man es vor fünfzig Jahren tat, aber die
eigentlich schöpferische Leistung, Ausdruck des
Formsinns, bleibt, an tausend praktische Aus-
sprüche gebunden, dennoch so gültig wie zuvor.

Das Bauen ist heute so gut eine »Kunst« wie bis-
her, und die moderne Wohnkultur muß stets ge-
samtmenschlich gewertet werden. Widersprüche
kommen im Wesentlichen nur daher, daß das
Formempfinden vielfach noch romantisch ver-
haftet ist, die Fühl weise sich noch nicht auf
die neue Wohngestalt einstellt. . . Heinrich geron.
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