Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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XLII. JAHRG.

DARMSTADT

APRIL 1931

STANDPUNKT DER BETRACHTUNG

die zusammenarbeit ergibt die lebensfähige form

Jeder Zeitabschnitt in der Geschichte ist eine
»Übergangs-Zeit«. Aber es gibt langsame und
jähe Übergänge. Sprechen wir von der Gegenwart
als von einer »Übergangszeit«, so ist die Tatsache
gemeint, daß Altes und Neues einander heute in
besonderer Nähe und Grundsätzlichkeit gegen-
überstehen. . In den Fragen des Wohnraums gibt
es heute bekennerische Richtungen, die dem Rufe
der Zeit nach inhaltlicher Entscheidung Folge
leisten. Daneben stehen die Tendenzen, deren
Sorge es ist, die Fühlung mit dem Menschen unserer
Tage pfleglich zu behandeln. Dort stößt man in
die Zukunft vor, hier faßt man auch die Verbin-
dung mit dem Vergangenen und den heutigen An-
forderungen ins Auge. Aus diesem Gegenüber-
stehen den Schluß zu ziehen, daß diese beiden
Strebungen einander »relativieren«, also wider-
legen, entwerten, wäre falsch. Es kann aus ihrem
Nebeneinander nur der Schluß gezogen werden,
daß sie beide berufen sind, an der Gestaltung von
Gegenwart und Zukunft mitzuwirken, beide in
ihrer ernstgenommenen Eigenart.. Besonders muß
dies der Standpunkt der Betrachtung sein.
Während das Schaffen oft nur durch eine be-
kennerische Festlegung weiter kommt, muß die

1831.IV.1.

Betrachtung, die Tugend des Verstehens, der
Beweglichkeit haben. Sie muß den geschichtlichen
Sinn haben, der Ergebnisse herausarbeiten hilft,
aber sie nicht dekretiert. Sie muß die ringenden
Kräfte ernst zu nehmen wissen in ihrer Eigenart,
sie muß ihnen ehrlich das Leben gönnen in dem
Bewußtsein, daß nur aus dem gemeinsamen Ringen
die echte Form der Zukunft erwachsen kann. .
Der Inhalt jeder Epoche, so auch der Gegenwär-
tigen, wird gebildet von Dingen, die noch leben,
und von Dingen, die schon leben. In ihrer wech-
selseitigen Auseinandersetzung treiben sie das
Geschehen zur Reife, und den Mitlebenden ist
nichts zuträglicher als eine aufgeschlossene Teil-
nahme an dieser Auseinandersetzung, also: fak-
tische und theoretische Diskussion in jener gei-
stigen Unabhängigkeit, die eine ernsthafte Wür-
digung alles redlichen Schaffens mitbringt. Zwei
Ziele, zwei Hauptgesichtspunkte sind es, die
eine Betrachtung der Wohndinge festhalten muß:
den heute lebenden Menschen brauchbare An-
halte für eine lebenfördernde Gestaltung
der Wohnung zu bieten und zugleich das
ganze geistige Geschehen auf diesem Gebiet
gewissenhaft zur Anschauung zu bringen. . . w. m.
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