Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

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it.

ARCH1T. MARCEL BREUER u. HASSENPFLUG

TRAININGS-RAUM. »HAUS FÜR EINEN SPORTSMANN«

WOHNRAUM UND BIOLOGIE

Ein Stuhl, auf dem man nur bei einer bestimmten
Haltung gut sitzt, ist kein einwandfreier Stuhl.
Ein Wohnraum darf nicht auf eine bestimmte
geistig-seelische Verfassung des Menschen ein-
gestellt sein — er muß um die vielen wechseln-
den Stunden wissen, die über uns hingehen. Er
muß einen »Querschnitt der gesamten bio-
logischen Erfahrung des Menschen« zur
Grundlage haben. . Wohnräume aus älterer Zeit
haben z. B. häufig das seelische »Wärme-Be-
dürfnis« des Menschen in seinem Durchschnitt
überschätzt. Heute aber kommen vielleicht eher
Überschätzungen des »Bedarfs an Kälte« vor? .



Ein guter Wohnraum wird darauf eingestellt
sein, daß jene große Hauptschwingung, die
zwischen der dynamischen Bewegtheit (bei
gedrosselten genetischen Kräften) und der dyna-
mischen Ruhe (bei lebhafter genetischer Pro-
duktivität) liegt, bei den allermeisten Menschen
vorkommt. Das heißt: die meisten Menschen
machen das »Hin und Her« zwischen »aktiver«
und »passiver« Einstellung, zwischen äußer-

lich bewegter und beschaulich ruhender,
zwischen objekt-zielender und ich-zielender
Haltung als eine Grundform ihres Daseins durch,
vielleicht täglich, vielleicht in größeren Perio-
den. . Auch die Schwingung zwischen Reiz-
hunger und Reizmüdigkeit, zwischen Aus-
spannung und Abspannung spielt eine wich-
tige Rolle. . So sicher ist es, daß man die Wohn-
räume nicht einseitig auf »Einsparung« von mo-
torischem Aufwand« einstellen darf, — weil Be-
wegung beim lebendigen Menschen nicht immer
eine Ausgabe, sondern häufig ein Gewinn an Kraft
ist — so sicher ist es, daß ein guter Wohnraum die
mannigfachen Lebens-Momente kennen muß, die
wir im Rhythmus von Morgen und Abend, von
Arbeit, Sport und Beschauung durchwandern.



Was weiß die Glück-Stunde von der Stunde
der seelichen Beugung? . Sorgen wir, daß unsere
Wohnräume beiden gemäß sind.. Der Mensch ist
nicht spezialisiert, sein Merkmal ist Vielwen-
digkeit und Freizügigkeit. An diesen Eigen-
schaften muß seine Wohnung teilhaben.. w.michel.
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