Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

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ERDGESCHOSS-HAUS LILLY REICH-BERLIN

BÜCHEREI IN DER VIERRAUM-WOHNUNG

LEBENSGEFÜHL UND WOHNRAUM

Es gibt eine nette Anekdote: Der Maler Caspar
David Friedrich hatte, wie man erzählt, ein
sehr leeres Atelier, in dem nichts als ein Tisch,
eine Staffelei mit einem Stuhl, und eine einsame
Reißschiene als einziger Wandschmuck zu sehen
waren. Ein Freund, der ihn zum ersten Male
besuchte, fragte ihn erstaunt, wo er denn in dieser
kahlen Zelle die »Anregungen« hernehme. Darauf
soll der große Maler, sich auf Stirn und Brust
deutend gesagt haben: »Von hier und da«.

*

Man kann also einen »leeren« Raum ganz
verschieden empfinden. . Wenn wir hier von der
»leeren Wohnung« sprechen, haben wir nicht ge-
rade asketische Räume von der Art dieses Maler-
Ateliers vor Augen, sondern die moderne Woh-
nung, die man oft »leer« nennt: weil sie nicht so
voll ist wie die Wohnungen vor ein paar Jahr-
zehnten. Wir erzählten die Anekdote nur, weil
sie in symbolischer Verdichtung von der Tatsache
kündet: daß es eine Beziehung gibt zwischen
innerem Reichtum und der »Leere« der äußeren
Umgebung. Wir dürfen ganz im allgemeinen wohl

sagen: daß eine besondere Beziehung besteht
zwischen dem Menschen und dem Raum, zwischen
»Bewohner« und »Wohnung«, ein bestimmtes
Verhältnis zwischen der seelischen und kör-
perlichen Verfassung des Menschen und dem
jeweiligen Grade, bis zu dem er seine nähere
Umwelt »leer« läßt oder mit Dingen »anfüllt«.



Wenn wir zum Beispiel sagen würden, die
Menschen seien zu der einen Zeit eben »prunk-
süchtiger« gewesen als zu einer anderen, so wäre
das eine ganz äußerliche Interpretation; denn das,
was wir »prunksüchtig« nennen, ist nicht die inner-
lichste Triebfeder, sondern schon Folge: ihre
Ursache ist eigentlich der »horror vacui«, der
Schauder, die »Furcht vor dem Leeren«. Diese
Angst vor der Leere der äußeren Umgebung ist
symptomatisch für eine innere Unausgefülltheit.
Die Dinge, die nicht nutzbares Gerät sind, die
man um sich häuft, stellt, legt und hängt, sind nur
Hilfsmittel, mit denen versucht wird, »Inhalt«
zu geben: eine Art Notwehr gegen das große
Gähnen, das aus dem eigenen Inneren steigt.

1931. VII. 4.
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