Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

Page: 357
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1931/0379
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BAUWEISE ALS LEBENS-ÄUSSERUNG

form und gestalt entfaltet sich aus dem wesen

Wir sehen heute die Architektur im unmittel-
baren Zusammenhang mit allen andern Er-
scheinungen des kulturellen Lebens, nicht als
spielerische Formenwelt für sich. Wir sehen die
Vergangenheit nicht mehr als den Steinbruch an,
aus dem man sich dieses und jenes hübsche Stück
holt. Wir haben die Architektur-Formen als un-
mittelbare Lebens-Außerung verstehen ge-
lernt: als eines der Mittel, in dem sich jede Zeit
selbst bestätigt, in dem sie ihre besondere Ton-
art dinglich festhält, sodaß sich alle ihre Zustände
darin spiegeln. Aus der Architektur lassen sich
die j e weiligen Verhältnisse von Mensch zu Mensch
ablesen, also die sozialen und politischen, die reli-
giösen, ästhetischen und technischen Zustände.

Ich weiß nicht, ob sich die Gegner der moder-
nen Architektur diese historischen Zusammen-
hänge jemals überlegt haben: ich glaube nicht,
denn sonst hätten sie größeren Respekt vor der
Vergangenheit. Es liegt ein Mangel an Ehrer-
bietung, ein Nicht-Ernstnehmen des Alten in der
Meinung, es ließe sich »nachmachen«. Je mehr sich
jemand in die Vergangenheit vertieft und ihre
Denkmäler liebt, desto stärker wird er die »Ein-
maligkeit« jeder Kunstform empfinden und desto
weniger in Versuchung kommen, sie nachzuahmen.

Die Gegner moderner Architektur empfehlen
meistens ja auch nicht geradezu historische Einzel-
formen, sondern das, worauf sie sich versteifen,
ist etwas Allgemeineres: das Nationale, oder die
landschaftliche Besonderheit, die sie in den histo-
rischen Leistungen verkörpert sehen. Nationale
Architektur zu bauen aber war niemals die »Ab-
sicht« irgend eines Volkes, sondern stets ein Er-
gebnis seines Schaffens, das man weder künst-
lich hervorbringen noch vermeiden konnte; denn
das Nationale ist die besondere Tonart, das beson-
dere Temperament, das sich unbewußt und unge-
wollt von selbst in jeder Äußerung geltend macht;
es ist ein Sammelbegriff, aber kein Programm. .



Die intensive Mitarbeit und die lebhafte Teil-
nahme aller Kreise an den neuen Aufgaben und
Lösungs-Versuchen ist der einzige Weg, auf dem
sich die persönlichen und nationalen Besonder-
heiten auch in den neuen Formen des Bauens wer-
den organisch entfalten können . . . peter meyer.



DER ARCHITEKT wird den Erfolg erringen,
wenn er die Kraft hat, beim Schaffen nie an ihn
zu denken. Aus Selbstvergessenheit des Künstler-
tums blüht das, was Früchte trägt. . fr. Schumacher.

FRITZ GROSS-WIEN. »TEEWAGEN MIT AUSZIEHBAREN PLATTEN«. MAHAGONI

1931. ix. 4.
loading ...