Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKO RATION

ARCHITEKT MORITZ HERRGESELL-WIEN

SCHLAFRAUM. AUSFÜHRO: A. HERRGESELL

ERLEBNIS DER WOHNLICHKEIT

Die Neigung zum Vortäuschen wertvollen Be-
sitzes durch minderwertigen Ersatz, das Sich-
genügen-lassen an Schein und Fassade bemäch-
tigt sich selbst so irrationaler Gegebenheiten, wie
es etwa die »Wohnlichkeit« ist. Man stellt in
Wohnräumen (die faktisch »zu wenig bewohnt«
werden) in beabsichtigter »Zufälligkeit« eine
Schale oder einige Teetassen irgendwo hin, legt
Bücher und Kunstmappen auf, setzt Teddybären
oder Spielpuppen in die Sofa-Ecke. Das Peinliche
ist dann nur, daß ein Besucher nach längerer Ab-
wesenheit immer noch an derselben Stelle die-
selben Bücher, Mappen, Tassen in derselben Zu-
fälligkeit« wiedersieht. . Immerhin, zunächst wird
durch solche Anordnungen doch der Zweck er-
reicht: Wohnlichkeit vorzutäuschen.

Alle diese » Wohnlichkeits-Atrappen« in der be-
wohnten Wohnung täuschen irgendetwas vor, was
angeblich gerade eben geschehen sein soll. Man
hat »eben Tee getrunken«, man »liest gegenwärtig
das und das Buch«, »beschäftigt sich zur Zeit mit
dem und dem Künstler«. . Geschehen, Handlung,
Erlebnis, oder eigentlich diese drei im Perfekt,
das ist schaubare Wohnlichkeit. Und Talmi-
Wohnlichkeit ist: die Spuren eines Geschehens
hinterlassen, — das garnicht stattgefunden hat.

Hier ist nun die »Grenze zwischen Unordnung
und Wohnlichkeit« zu bestimmen. Denn wenn die
Überreste eines Geschehens Wohnlichkeit bedeu-
ten, warum sind dann nicht alle Zimmer wohnlich,
in denen irgendein unordentliches Genie in hoff-
nungsloser Unfähigkeit aufzuräumen die Über-
bleibsel all seiner Taten seit Tagen oder Wochen
übereinanderhäufte? . Zwei Einschränkungen tren-
nen Unordnung und Wohnlichkeit. Erledigte
und unaufgeräumte Dinge ergeben Unordnung.
Lebendiges In-Benützung-stehen rechtfertigt
ihre sichtbare Anwesenheit im Zimmer. . Dazu
aber kommt j enes Andere, das bedingt, daß Wohn-
lichkeit immer ein subjektiver Begriff ist: in dem
Maße, als dem Betrachter die geschehenen Tätig-
keiten sympathisch sind oder als Ausdruck gei-
stigen Geordnetseins des Bewohners gelten, in
dem Maße erscheint ihm das Spiel der wechseln-
den Zufälligkeiten im Raum als »wohnlich«. Was
man nicht begreift oder nicht schätzt (wobei meist
letzteres sich aus dem ersten ergibt), das empfin-
det man als »unwohnlich«.. Indem wir die Wohn-
lichkeit lieben, lieben wir eigentlich das Ge-
schehen. Wir sind darin wie die Kinder, die stets
Bilder, auf denen Handlung zu sehen ist, vor-
ziehen. Das Geschehen erst gibt den Räumen die
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