Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

ARCH. PROF. HEINRICH STRAUMER-BERLIN

SCHLAFZIMMER-ECKE MIT FRISIERTISCH

DER »WERT« IM RAUM

Man teilt die Künste ein in mehr »darstel-
lende« — Erzählung, Malerei — und in mehr
»formale oder rhythmisierende«; und rechnet
zu den letzteren neben der Musik vornehmlich
die Architektur. . Frage: Ist es denn wahr, daß
Architektur nichts »darstellt«? Läßt man sich
bei dieser ganzen Unterscheidung nicht vielzu-
sehr durch grobe, sinnfällige Äußerlichkeiten
leiten? Weil der Maler das »Modell« greifbar vor
Augen hat und das Gesehene auf die Leinwand
bringt, ist er »darstellender« Künstler. Der Archi-
tekt aber hat kein Modell vor sich, er bildet
nichts sinnlich Vorhandenes nach, also ist er
»nicht darstellender« Künstler. So denkt man.

*

Aber woher hat der Architekt denn dann die
innere Führung bei seiner Arbeit ? Kommt sie aus
dem Nichts? Kann man im Ernst glauben, es ver-
möchte etwas zu Höhe und Weite, zu Raum und
Körper, zu Stein und Eisen zu werden, was nicht
ganz bestimmt vorher »geschaut« ist? Erschaut
der Künstler denn nur das, was sich seinen äuße-
ren Sinnen darbietet? Ist es denn nicht so, daß
alles, was sein äußeres Auge sieht, sei er Maler,

Zeichner oder Bildhauer, immer beherrscht und
überschnitten, ja völlig überrauscht ist von der
inneren »Vision«, die der schlechthin entschei-
dende Bestandteil unseres gesamten Wahrneh-
mens ist? Lebt diese »Vision« nicht ganz genau
so beim Raumschöpfer? Ist er nicht genau so
wieder Maler und Erzähler, »Darsteller« dieser
Vision? Ist es nicht diese »Vision«, worauf sein
Blick immerfort während des Arbeitens ruht, —
woran er seine Arbeit mißt, ändert, berich-
tigt und höher treibt? Ist sie demnach nicht
eine ganz bestimmte Realität, die er »nach-
bildet«, und die ihn nicht eher entläßt, als bis er
ihren Ansprüchen nachgekommen ist?

Renoir malte viele verschiedene Modelle; aber
was er dabei »darstellt«, ist immer die Frau, die
er liebt, mit der er leben möchte. . Der Architekt
schafft Räume für verschiedene Auftraggeber und
verschiedene Lebensbedingungen; aber er stellt
dabei immer den Raum oder die Raumfolge dar,
in der sein Leben sich wohlfühlt, er stellt immer
die ideale Situation seines Lebens dar. »Sein
Leben« — das kann Vitalität seines Typus sein,
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