Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INTERNATIONALE RAUMKUNST IN KÖLN

ausstellung des möbelhauses schürmann in köln. vorbericht

Was man vor vier Jahren auf dem Weißenhof
bei Stuttgart für die moderne Architektur
versuchte, ward nun für den Innenausbau und
die Zimmerkunst unserer Tage unternommen :
durch ein Nebeneinander internationaler Proben
die Begriffe über den allgemeinen Zustand des
Wohnwesens der Gegenwart zu klären, aus der
Gemeinsamkeit gleichartiger Bestrebungen neuen
Mut und neue Ziele zu gewinnen, über die Gren-
zen hin und her Anregungen auszutauschen. Das
Ergebnis mußte in Köln naturgemäß wesentlich
anders ausfallen als damals in Stuttgart. Dort hatte
es sich gezeigt, wie eng die neue Baukunst aller
Länder zusammengewachsen ist, wie die Unter-
schiede fast verschwinden vor den neutralen und
typisierenden Formen, die sich zur Herrschaft
über den Erdball durchgerungen haben. Hier in
Köln, bei dem verdienstvollen Unternehmen der
großen rheinischen Möbelfirma, wird offenbar,
welcher Reichtum der Gestaltung nicht nur durch
die nationalen Varianten, sondern auch inner-
halb der einzelnen Länder rings um uns blüht.

Durchschreitet man in der Ausstellung: »In-
ternationale Raumkunst« die zwei Dutzend
Räume, die sich unter der Regie der Berliner
Innenarchitektin und Malerin Ruth Geyer-Raack
im Schürmann'schen Hause in Köln zu einem
glänzenden Gesamtbild zusammenschließen, so
erstaunt man über die Mannigfaltigkeit, die heute
der Gedanke annehmen kann, Außenbau und In-
neneinrichtung aufeinander abzustimmen. Denn
dies bleibt natürlich in jedem Falle Ausgangspunkt.
Überall fühlen wir deutlich die Vorstellung von
einem imaginären Hause nach modernen Stilprin-
zipien, in das der Raum sich einfügen will. Von
ihm übernimmt er Grundrißführung, Gesamtbil-
dung des Zimmers, Haltung und gegenseitige Be-
ziehung von Wand und Decke. Von ihm empfängt
er das Hauptgesetz für den Bau der Möbel, die
sich möglichst in derselben konstruktiven Klar-
heit zu bewegen streben, das Funktionelle, sach-
lich Gebundene der Architektur bis in Einzel-
heiten widerklingen lassen möchten, um dann
allerdings, von solcher Basis aus, dem individu-
ellen Geschmack, der persönlichen Auffassung
von praktischer Bequemlichkeit und behaglichem
Komfort freie Bahn zu öffnen.

Die Fragen, die dabei entstehen, erfahren un-
gefähr soviele Lösungen, wie Künstler am Werk
sind. Nun verzweigen und überschneiden sich die
Wege so sehr, daß die Gegensätze oft fühlbarer
werden als die einigenden Ideen. Das wird umso
auffälliger, da es sich nicht etwa um eine Skala
von Zimmern für verschiedenartige Ansprüche
handelt, von bescheidener Einfachheit bis zu

üppigem Luxus, sondern durchweg um Einrich-
tungen, deren Kosten sich von 1 200 bis 3000 Mark
belaufen. Es wird der bündigste Beweis geliefert,
wie falsch es ist, der modernen Wobnkunst öde
Gleichmacherei und trocken-unpersönliche Nivel-
lierung vorzuwerfen. Im Gegenteil, man hat selten
oder niemals die überraschende Fülle von Mög-
lichkeiten erkannt, die ihr innewohnen.

Wir lebten nicht in Deutschland, wenn es nicht
bei uns am buntesten aussähe. Predigen die Män-
ner vom Bauhaus, für die Marcel Breuer auftritt,
die Lehre von der maschinellen Präzision, so
pflegen Bruno Paul, Breuhaus, Rachlis in ver-
änderten Formen die Erinnerung an den Komfort
des bürgerlichen Zeitalters. In Frankreich ein ähn-
liches Gegenspiel: bierLe Corbusier mit dem
internationalen Kreis seiner Schüler, aus dem der
Ungar Andre Szivessy nach Köln kam — dort
Pierre Barbe mit seiner Mischung von Stahl-
möbeln und Boudoir-Lauschigkeit, die höchst reiz-
voll gelingt. Ungemein liebenswürdig und reich
an Einfällen kommt Osterreich an; mit Adolf
Loos erscheinen Walther Sobotka und Ernst
Lichtblau. Für die sinnliche Lebensfreude des
europäischen Südostens spricht Ludwig Kozma
aus Budapest. Für das ausgeprägte Stilgefühl der
modernen Holländer Merkelbach u. Karsten
aus Amsterdam. Für Belgien Leon Bourgeois,
für die Schweiz Ernst Burckhardt. Für das eng-
lische Festhalten an der Überlieferung Guy
Dawber. Für die Anhänglichkeit Italiens an
Buntheit und Zierrat Larco e Rava. Für die
helle Solidität der Schweden Uno Ähren. Für die
freie und naive Phantasie Amerikas Jock Peters
aus Los Angeles, Howe and Lescaze in New
York und Philipp Francesco Stapp.

Von allen diesen Künstlern, charakteristischen
Vertretern ihrer Nationen, haben Gebrüder Schür-
mann die Entwürfe erbeten, die sie dann mit ihren
vorbildlich geschulten Handwerkskräften aus-
führten. Wieviel Anregungen und brauchbare
Vorschläge von ihrer rühmlichen Veranstaltung
ausgehen, sollen die ausführlichen Betrachtungen
darlegen, die noch folgen werden. . Dr. max osborn.



JEDE GENERATION tritt eine Erbschaft an
J Lebens-Inhalten und -Formen an, mit denen
sie sich auseinandersetzen muß. Jede Generation
hat das Gefühl, »anders« zu sein als die vorige.
Der Pessimist gedenkt der guten alten Zeiten und
sieht ringsum Verfall. Der Optimist begrüßt den
Fortschritt und verlacht das Frühere. Das An-
derssein selber bejaht der eine so gut wie der
andere. In dieser Gefüblsspsnnung liegt das
Selbstbewußtsein einer Zeit.....peter meyer.
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