Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT ALBERT VOELTER — MÜNCHEN BLICK ZUR FENSTERWAND IM VERKAUFSRAUM

DAS NÄCHSTE BESTE

Vor vielen zeitgenössischen Versuchen und
Leistungen auf künstlerischem Gebiet hat man
das Gefühl, als seien hier zwangsläufig und schick-
salhaft die beiläufigen »Nebenbelange«, die
zwar wichtigen, aber nicht entscheidenden »Auch-
Forderungen« zu sehr in Betracht gezogen. Die
Arbeit scheint durch Wissen und Eingehen auf
Nebenbewandtnisse von der zentralen Auf
gäbe abgelenkt, ja oft gebrochen. Man macht —
oft zu Recht — den Einwand, daß die Künstler
nur selten noch unbewachten Herzens, reinen und
freien Sinns schaffen. Die unbefangenen Schöpfer-
kräfte sind in einem wissenden Zeitalter wie dem
unsern durch zuviel Kenntnis und Einsicht be-
hemmt. Es schadet nichts, wenn ein Maler in der
Farben- und Lichtlehre bewandert ist, wenn ein
Dichter die indogermanischen Wurzeln seiner ge-
liebten Worte kennt, —aber man muß manchmal die
obsolet gewordene Wahrheit wiederaussagen, daß
das Tanzen nicht mit der anatomischen Kennt-
nis der Beinmuskulatur anfängt, so sehr solche
Kenntnis auch hilfreich und dienlich sein kann.
Die Architekten und die Innengestalter haben in

diesem modernen Dilemma einen besonders
schweren Stand. Sie sind nicht »freie Künstler«,
sondern stehen vor praktischen Aufgaben.
Für sie gilt das Goethe-Wort: daß der lebendig
begabte Geist, der sich in praktischer Absicht
ans Allernächste hält, das Vorzüglichste auf
Erden ist. Der Baukünstler von heute — ganz
abgesehen von der technischen Kenntnis, die sein
Beruf heute fordert — muß Wohnkundler, Psy-
chologe, Raumwissenschaftler, Soziologe, Wirt-
schafts-Sachverständiger sein, — aber seine eigent-
liche zentrale Aufgabe bleibt eine künstlerische:
sie ist Formgebung und Raumschöpfung,
also Gestaltgebung allerersten Ranges.

An den besten Leistungen der Moderne sieht
man, daß wissenschaftliche, lebenstecbnische und
psychologische Bewandtnisse die Möglichkeit
freien Formschaffens nicht ausschliessen, sondern
deutlich mitbedingen. Gerade in diesen Künsten
sind das »Zweckdienliche« und das »Ästhe-
tische« eins geworden, bewährt sich die Freiheit
des findigen Geistes in der Bindung an die prak-
tische Aufgabe am sinnfälligsten. . Heinrich geron.
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