Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKTIN LIANE Z1MBLER — WIEN u. PRAG

TOCHTER-ZIMMER. KIRSCH U. SCHLEIFLACK. HAUS Dr. T.

Wir haben unsere Lebenskraft vor allem im
Eingehen auf die allgemeinen, zivilisatorischen
Formen der Gegenwart zu bewähren. Wir haben
uns vor allem in der »Fühlung« zum Nebenmen-
schen, in der Angleichung an ihn zu erleben. For-
men der Kleidung gehen heute durch alle sozialen
Klassen. Keine alte »Grenze« — sei sie sozialer
oder landschaftlicher Art — wird unbesehen hin-
genommen. Es gibt einen Höchstbegriff von Auf-
treten und Lebensführung; der Film, die unge-
heure Illustrations-Apparatur der Zeit ermög-
lichen überall den »Blick über den Zaun«. Der
Rundfunk im Verein mit anderen Mitteln der In-
formation und Mitteilung erweitert den persön-
lichen Lebensraum jedes Einzelnen. . Ganz einer-
lei, wie man den Individualismus absolut bewer-
ten möge: heute steht er in zweiter Reihe; die
Führung liegt bei der Gegenkraft. . Wir denken
dabei: wo wirkliche und echte, gutfundierte Indi-
vidualität ist, wird sie sich auch ohne bewußte
Betonung geltend machen und wirken können.
Ja, sie wird nur da überzeugend hervortreten,
wo sie nicht bewußt gehätschelt wird, sondern
sich aus eigener Kraft durchsetzt. . wilhelm michel.

BAUTRIEB UND SPIELTRIEB

Wir haben von der Technik gelernt, über den
Begriff Architektur von Neuem nachzu-
denken. Liebermann sagt: »Malen ist weglassen!«
Vorläufig sind wir bei der modernen Architektur
im Wesentlichen auch dabei angelangt, nachdem
vorher unter Architekturmachen meist ein »Dazu-
tun« verstanden wurde.. Das Spiel mit dem Orna-
ment, mit der Flächenbewegung, mit der Verzie-
rung im früheren Sinne ist sozusagen verboten. .
Hat das »Spiel« überhaupt aufgehört? An die
Stelle des handwerklich oder auch maschinell
hergestellten Ornaments treten jetzt meist wert-
volle Materialien: Lack, Glas, Metalle, Steine..
Hier sehe ich keine Gefahr; sie besteht aber dann,
wenn der Architekt, dem das Spiel mit Ornamen-
ten aus der Hand geschlagen ist, mit Konstruk-
tionen zu spielen beginnt. Dieses Spiel ist kost-
spielig, und der Ornament-Rausch war kaum be-
täubender als der Rausch, dem ein Architekt
anheimfallen kann, dem die heutigen — scheinbar
unbegrenzten — konstruktiven Möglichkeiten in
die Hände gegeben sind. Diese Art neuer Sach-
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