Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKORATION

WERKSTATTEN »HAUS & GARTEN«—WIEN BIBLIOTHEK-RAUM. HAUS B. IN H1ETZ1NG

RAUM UND NEUES BEWUSSTSEIN

In der modernen Wohnung geht das Streben auf
das »Unmittelbare« und Unumschriebene.
Die Einrichtung will nichts mehr verstecken, was
da ist — und nichts mehr vortäuschen, was nicht
da ist. Der Heizkörper verbirgt sich nicht, eben-
sowenig die Wand; der Lichtträger bekennt sich
zur technischen Licht-Erzeugung; Holz, Glas,
Metall wagen in ihrem So-Sein hervorzutreten,
die Möbelformen halten sich an die Funktion, die
Funktionen richten sich nach faßbaren Zwecken.



Wir empfinden lebhaft den Abstand dieser
Wohnraum-Gestaltung von einer früheren, deren
Streben ebenso eindeutig auf eine »Humanisie-
rung«, auf eine Angleichung des Wohnraums an
menschlich-bürgerliche Wünsche und Illusionen
gerichtet war.. Den »Einschnitt« zwischen bei-
den Tendenzen hat im Grunde die Psychoana-
lyse gebracht. Nicht als ob die Innenarchitekten
ausdrücklich bei der Psychoanalyse in die Schule
gegangen wären, aber jene »Denkstimmung«, die

der neuen Seelenforschung zugrunde lag und sie
trieb, das »Eigentliche« vom »Vorgewobenen«,
den wahren psychischen Sachverhalt von den
»Wunsch-Phantasien« und den »Sublimierungs-
Gebilden« zu unterscheiden, — diese Denkstim-
mung wirkte sich gleichsinnig auch in der neu-
zeitlichen Wohnraum-Gestaltung aus.

Der Wohnraum ist heute weitgehend bestimmt
von diesem Einbruch kritischer, auf Wahrheit
gerichteter Tendenzen. Sie haben die Arbeit am
Wohnraum auf neue Grundlagen gestellt. Wir
können keine Raumformung als modern, d. h. als
zu uns gehörig anerkennen, die diesen »Moment
des Wachwerdens« nicht durchgemacht hat.

*

Aber von diesen neuen Grundlagen aus fassen
wir mit einem befreiteren Blick nun Manches wie-
der ins Auge, dem in der Stunde des Ubergangs
keine volle Beachtung geschenkt werden konnte.
Die alten »Verkleidungen«, Verhüllungen, Ver-
brämungen im Wohnraum mußten wir der »Durch-
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