Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKO RATION

AUSSTELLUNG : »DIE NEUZEITLICHE WOHNUNG« ARBEITS- U. RUHERAUM. AUSFÜHRG: H. 1RMLER

WOHNRAUM UND MENSCHEN-GESICHT

Die Kultur einer Zeit ist immer ein geschlosse-
ner »physiognomischer Zusammenhang«. Was
den Wohnraum prägt und umprägt, das wirkt
auch auf die Gesichter des Menschen und auf
ihre Sprache ein. Zum neuen Wohnraum der
Gegenwart gehört eine bestimmte Gesicht sprägung
des Menschen. . Wenn man sich das klar machen
will, geht man am besten von den Porträts unserer
Väter und Großväter aus. Sie waren bewegt und
gefühlig, sie trugen häufig Züge einer Seelenhaftig-
keit, die von Schwärmerei nicht weit entfernt war.
Die Augen hatten oft etwas Fragendes. Oder
etwas Versunkenes und Träumerisches. Manch-
mal faßten sie sich in einer Art Trotz zusammen.
Grüblerische und kämpferische Züge kamen nicht
selten vor. Man sieht den Gesichtern dieser Zeit
ferner an, daß die »Individualität« hoch im Kurs
stand, die Lust an »Persönlichkeit«. Sie waren
formenreich, sie enthielten häufig das, was man
die »Floskel der Individualität« nennen könnte.
Ein ganz wesentliches Merkmal war immer ein
Ausdruck von Arglosigkeit, von Harmlosigkeit.
Die Menschen dieser Zeit waren vermutlich im

Durchschnitt schwungvoller als die heutigen, dra-
matischer — aber sie waren leichter zu betrügen.
Große Augen sehen in eine unbekanntere, jeden-
falls ihnen selbst nicht ganz verständliche Welt
hinein. Das Leben muß ihnen noch als eine Art
Wald vorgekommen sein, den sie bewunderten
und der ihnen auf eine poetische Weise halb ver-
traut, halb feindlich, halb anziehend gewesen ist.

Die Gesichter von heute sehen anders aus.
Sie sind weniger von der arglos herausblühenden
»Seele« geprägt, als vom Willen und einer aktiven
Vernunft. Sie sind vor allem wach. Man sieht
ihren Augen an: sie sind das schnelle Umblicken,
das genauere Abmessen, die vorsichtigere Prüfung
gewöhnt. Die Gesichter von heute tauchen nicht
aus Träumereien auf: sie haben das klare Bewußt-
sein von ihrer Umwelt nie verloren. Sie sind
heiter, aber vollkommen präsent; sie leben in
einem wachen Gefühl der Gegenwart. Sie wissen
auch von Grübeln und Nachdenken, aber sie tragen
das nicht auf der Straße. Das Menschengesicht,
das früher nicht selten in Schlafrock und Pan-
toffeln herumlief, trägt heute Gesellschaftsanzug.
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