Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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RAUM-ANALYSE: GESTALT UND GRENZE

beitrag zur raumwissenschaft (v. teil)

Wollte man raumpsychologische Experi-
mente vornehmen, ohne vorher die zu unter-
suchenden Räume nach einem Schema von Kate-
gorien zu ordnen, das alle möglichen räumlichen
Gestalten wesentlich und erschöpfend beschreibt,
so stünde man vor einer endlosen Aufgabe. Man
hätte bei einer solchen zufälligen Versuchswahl
keine Möglichkeit, allgemeine Schlüsse zu ziehen.
Es ist also vor aller Empirie notwendig, ein
»System der Morphologie« aufzustellen, ein
System von Bestimmungsstücken (Komponenten,
Vektoren), das das ganze Gebiet aller denkbaren
räumlichen Gestalt »erschöpfend« beschreibt,
d. h., derart, daß jede konkrete räumliche Gestalt
durch Angabe der Komponenten (Vektoren) ein-
deutig bestimmt ist. . Das System muß weiter
»wesentlich« sein, d. h., die Komponenten der
Gestalt (oder Gestalts-kategorien) müssen derart
gewählt sein, daß ihnen ebenso einfache und reine
Komponenten des Raum-Empfindens (also der
Raumwirkung) entsprechen. . Man kann auf
dieser Grundlage dann wohl behaupten, daß
die »totale Raumwirkung« gleich ist der
»Summe« der Wirkungen der Raumkompo-
nenten; wobei allerdings noch das Additions-
gesetz, (psychologisch = Assoziations-Gesetz) zu
studieren wäre, nach dem solche »Summen« zu
bilden sind. Man hätte dann also irgend eine kon-
krete räumliche Gestalt in ihre Komponenten zu
zerlegen, (»Raum-Analyse«) und könnte dann
schon Rückschlüsse auf ihre Wirkung ziehen.
Nur unter solchen Voraussetzungen ist eine
Raum-Wissenschaft möglich und sinnvoll.

*

Hier soll — beispielsweise — ein beschränktes
Gebiet räumlicher Gestalten untersucht werden:
das der »materiellen Gestalten«, (im Gegen-
satz zu den »energetischen« und »dynamischen«
G), und zwar und auch nur soweit, als diese
Gestalten durch ihr wichtigstes Moment, die
»Grenze«, den »Umriß«, beschreibbar sind. Je
nachdem, ob man diese Grenze auf den mit fester
Materie erfüllten Raumteil oder auf den ihn um-
gebenden, leer gedachten Raum bezieht, kommt
man zu zwei verschiedenen räumlichen Gestalten:
zur Gestalt des Körperraumes und der Ge-
stalt des Um- oder Hohlraumes, kurz des
»Raumes«. . Die logisch dialektische Ableitung
dieser Gliederung bürgt dafür, daß sie erschöp-
fend ist; jede materielle Gestalt muß das eine
oder andere sein. Überdies ist sie wesentlich;
denn diesen beiden Komponenten der Raum-
Gestalt entsprechen die von mir abgeleiteten
Komponenten des Raum-Empfindens: »kör-
perliches« und »höhlenhaftes« Raum-Empfinden.

Wie gesagt ist das wesentlichste Kenn-
zeichen solcher Gestalten deren »Grenze«;
klarer ausgedrückt: wesentlich ist, ob und wie
sehr der Raumteil von einem anderen abgegrenzt
wird; also das Maß dieser Abgrenzung, das
zwischen den zwei Polen: vollständig begrenzt
oder vollständig offen, liegt. So ergeben sich zwei
Skalen: vollständig geschlossener bis offener
Hohl-Raum und völlig geschlossener bis offener
Körper-Raum. Mit Hilfe dieser beiden Skalen
muß es möglich sein, jede konkrete materielle
Raum-Gestalt eindeutig festzulegen.

*

Erst in zweiter Linie ist die Gestalt der
Grenze selbst maßgebend. Da es sich hier fast
nie um einfache geometrische Figuren handelt,
sondern um komplexe Gebilde, so sind diese —
wie an anderer Stelle bereits ausgeführt — durch
das Kombinations-System und durch die Gestalt
der Elemente zu beschreiben, wobei wieder die
Kennzeichnung der Systeme als das allgemeinere
den Vorrang hat. . Diese Systeme sind als »rich-
tungslose« oder »gerichtete«, die letzteren
wiederum als »axial«-, »zentrisch«- oder
»schiefsymmetrische«, »asymmetrische«,
»linear oder zyklisch gereiht« zu beschreiben.
Diese Gliederungen sind nichts andres als Aus-
drücke für ein einfaches oder mehrfaches Ge-
richtet-Sein des Raumes; wiederum also
wesentlich, weil ihnen ähnliche Wirkungs-Kom-
ponenten entsprechen, nämlich: Bewegungs-
arten des Menschen im Raum.



Bei der Beschreibung der Elemente stoßen wir
auf die speziellen Details der Gestalt, wie Pro-
portion, Farbe, geometrische Figuren usw.
Diese vom Allgemeinsten bis zum Speziellen
absteigende Reihe gibt gleichzeitig ein Schema
für die Versuchs-Anordnungen. . franz löwitsch.



ZWANGLOSES WOHNEN

Das 19. Jahrhundert war in seiner Wohnkultur
in einen Lebensstil »eingezwängt«, der
nicht seiner sozialen Wesensart entsprach. Der
Bürger dieser Zeit mußte sein Leben in Räumen
verbringen, die in ihrer Gestaltung auf dem Zere-
moniell einer Zeit mit ganz anderer sozialer Kultur
basierten und sich auch stilistisch aus den Formen
vergangener Stilperioden herleiteten. . Der Wohn-
raum von heute bietet seinem Bewohner wieder
die Möglichkeit, sich in seinen Räumen ohne
Zwang bewegen zu können. Die erste Funktion
des Wohnraumes ist heute für uns die: als Bewe-
gungsraum dem Bewohner zu dienen. . e. revesz.
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