Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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INNEN-DEKO RATION

PROFESSOR PAUL GRIESSER-BIELEFELD

RUHESOFA MIT AUSZIEHBAREM TEEWAGEN

RAUM UND MUSKELSPANNUNG

BEITRAG ZUR RAUM-WISSENSCHAFT (III.)

Zu den wichtigsten der uns heute bekannten
physiologischen Reaktionen des mensch-
lichen Körpers auf äußere, räumliche Einwir-
kungen gehören die Veränderungen des »Mus-
keltonus«. Darunter versteht man die verschie-
den starke oder schwache, aber immer vorhan-
dene Spannung der Muskeln. Sie erfolgt als
unbewußte Reflex-Reaktion auf mechanische, psy-
chologische oder physiologische Reize. Bei Druck
auf empfindliche Körperstellen treten Muskelspan-
nungen auf, die oft nur auf die Reizstelle lokali-
siert bleiben, oft aber sich auch auf den ganzen
Körper ausdehnen. Bekannt sind die so entstehen-
den »V er sp annun gen beim Sitzen, beim Lie-
gen«, wenn die Unterlagen zu hart, nicht geschmei-
dig genug sind, so daß der Körperdruck sich auf
einige wenige Stellen konzentriert; man spricht
dann von »schlechten« Stühlen oder Betten. (Ahn-
liche Verkrampfungen bringen Temperatur-Än-
derungen mit sich.) . . Diese Spannungen treten
aber auch auf, wenn der auslösende Reiz nicht
tatsächlich erfolgt, sondern nur erwartet wird,
(also durch psychische Reizung): bei drohendem
Stoß (beim Boxen; sodann die bekannte Augen-
lid-Reaktion); schon die unmittelbare Nähe von
Ecken, Kanten, an die man eventuell stoßen
könnte, verursacht merkliche Verspannung und
Bewegungs-Hemmung; überhaupt jede wirkliche

oder nur eingebildete drohende Gefahr; Kummer
und Zorn verkrampfen oft den ganzen Körper.
Solche »Verspannungen« sind objektiv fest-
stellbar: durch Abtasten des Körpers, an der Kör-
perhaltung und Bewegung (verkrampft oder frei)
an der Atmung, Sprache und Verdauung. Beson-
ders empfindsam ist die Bauchmuskulatur (Atmung,
Sprache und Verdauung); sie reagiert nicht nur
auf direkte Reize, sondern wird fast immer auch
bei entfernteren Reizungen, Spannungen im Arm,
Genick usw. in Mitleidenschaft gezogen. Es sind
also fast alle möglichen Verspannungen im Kör-
per durch Abtasten und durch Abhören
der Sprache experimentell feststellbar.

*

Bedeutsam ist die Beobachtung von Professor
Sievers, daß die Gegenwart bestimmter Figu-
ren das Sprachvermögen derart beeinflußt,
daß nur mehr ganz bestimmte Gedichte, Verse
und Sätze fließend und richtig gesprochen werden
können. Gleiche Zusammenhänge wurden zwi-
schen Sprache und Bewegung festgestellt
(auf der Bühne wurde beobachtet, daß gewisse
Anordnungen Schauspieler zum Stottern bringen).
Ebenso bekannt sind die Bewegungs-Hem-
mungen, die Tänzer durch den Raum erleiden
können. . Überhaupt werden die »Raum-Wir-
kungen« am leichtesten an Schauspielern und Tän-
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