Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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VORAUSSETZUNGEN DER WOHNFORM

die anforderungen der biologischen richtigkeit

Man spricht von »allgemein verpflichtender
Wohnform« und vergißt dabei zu häufig, daß
die Voraussetzungen des Wohnens von Land zu
Land sehr verschieden sein können. . Was heißt
das: Voraussetzungen des Wohnens? Es sind
diejenigen Gegebenheiten der Umwelt, nach
denen sich bestimmt, was der Mensch in seiner
Wohnung sucht, was sie ihm bieten muß, um eine
Art »Komplement zur Umwelt« zu sein und
ihm ein volles Menschenleben zu ermöglichen.



Stellen wir diese Frage zunächst ganz einfach.
Steht das Haus in einem heißen Land, nahe beim
Äquator, was wird die Wohnung vor allem bieten
müssen? »Küble«. Und da findet sich, daß südliche
Häuser in ihrer Bauweise eine wunderbare Tech-
nik in der Luftkühlung entwickelt haben, daß sie
wenig nach außen drängen, mehr nach steinbeleg-
ten Höfen und Pflanzenwuchs und springenden
Brunnen. . In gemäßigten Breiten wird das Haus
sich gern dem Frühling und Herbst öffnen; weiter
gegen Norden wird der flammende Kamin und die
warme, geborgene Häuslichkeit gedeihen. . Das
geht zwangsläufig und regelt sich nach klima-
tischen Verhältnissen und körperlichen Bedürfnis-
sen. Aber dieselben Gesetze des Komplements
gelten auch für die feineren, seelischen Bezüge.

*

Auch im Seelischen gibt es der Wohnung
gegenüber eine Art »Temperatur-Fragen«. Ist
die Umwelt, in der man lebt, kalt, mechanisiert,
zweckbeheirscht, wird dann nicht die Wohnung
einen »Ausgleich« dafür bieten müssen? Gewiß,
als Mensch seiner Zeit wird man »modern« woh-
nen. Aber man wird unter bemeldeten Umständen
diese moderne Wohnform ins Warme und Phanta-
sie-Anregende kehren. Wer täglich zehn Stunden
Maschinen-Mensch in stählern blanker Welt ist,
der wird, um nicht in Verdrängungs-Neurosen zu
fallen, von seiner Wohnung mit Recht eine Mög-
lichkeit des Träumens, der seelischen Entspannung
verlangen. Man darf gewiß das »altdeutsche
Kneipstübchen« nicht loben, das sich reiche Leute
manchmal im Keller eines funkelnd modernen
Eigenhauses anlegen. Aber das Bedürfnis, das
einen vielbeschäftigten Industriellen zu solchen
Dingen treibt, muß als vorhanden erkannt wer-
den; und besser, er befriedigt es schlecht und
recht, als daß die verdrängten Träume seine Seele
mit Sentimentalität oder Verbitterung vergiften.

*

Der Mensch ist ein »zusammengesetztes Wesen«.
Er lebt in Widersprüchen, die er ständig regulieren
muß, er lebt in »Ambivalenzen«, und hoch über
dem dogmatischen Gebot der Zeitform stehen die

Anforderungen der biologischen Richtig-
keit. Wo überall Natur in die Häuser hereinragt
und Historie erwärmend und bindend die Umwelt
durchwirkt, da mag die Wohnung gerne straff,
klar und gespannt sein. Wer sieht denn nicht,
daß die frenetische Begeisterung des modernen
Rußland für den strengsten Rationalismus im
Bauen eine komplementäre Gegenregung zu dem
Wärme-Überschuß, zu der Naturgesättigkeit der
russischen Seele ist? (Denn diese inwendige
Naturbindung ist für das architektonische Komp-
lement noch wichtiger als die eigentliche Land-
schaft.) Und ebenso kann man in dem radikalen
französischen Bauen der Gegenwart eine gewisse
Kontrastbeziehung zu der Überladenheit mit
Historie erblicken. Aber das naturfremde und ge-
schichtsdünne Leben einer amerikanischen Groß-
stadt liefert dem Wohnbau ganz andere psychische
Voraussetzungen; und wenn sich in der amerika-
nischen Wohnungsgestaltung und sonstwo »roman-
tische« Elemente zeigen: wer dürfte da pedantisch
die »ideale Forderung« der rein technischen Zeit-
form präsentieren und durchsetzen wollen?



Die Lebenskurve der Gegenwart läuft im großen
Ganzen so, daß eine weitere Herauslösucg des
Menschen aus den naturhaften historischen Bin-
dungen angestrebt wird; daher die blanke, straffe,
rationale Wohnform. Aber nicht bedingungslose,
seelenschädigende Emanzipation, sondern das zeit-
bedingte und menschengerechte Maß an Be-
freiung ist die Parole. Dieses »Maß« muß ge-
funden werden, auch in der Wohnform — sonst
rächt sich die verdrängte Potenz, — sei es auch
nur durch jene Biedermeierei, die immer die Folge

geistiger Exzesse ist.........Wilhelm michel.



MAN DARF SAGEN: es kommt jetzt darauf
an, daß eine Auslese getroffen werde unter
den unseren Zeitstil vertretenden Architekten.
Diejenigen, die nach rein praktischen Gesichts-
punkten, ingenieurhaft und nicht anders zu bauen
gesonnen sind, mögen dies ruhig weiter tun, sie
werden zweifellos vielfach recht nützliche Arbeit
verrichten. Aber wir werden uns hüten müssen,
sie als »Künstler« zu bezeichnen. Erst wo das
»Darüber hinaus!« gegenüber der Tätigkeit des
reinen Konstrukteurs einsetzt, beginnt das Wesen
des schöpferischen Künstlers sich zu offenbaren.
Das Konstruktive in seiner betonten Formsetzung,
darf und soll nicht mehr verloren gehen. Aber es
ist das ewig Selbstverständliche. Es ist das Ge-
rüst, das in seiner Kahlheit zu zeigen noch lange
nicht schöpferische Formgestaltung bedeutet. Der
bauende Künstler will mehr. . . franz servaes.
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