Die Gartenkunst — 1.1899

Page: 2
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gartenkunst1899/0012
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DIE G ARTENKÜNST

in demselben neu errichtet und 1633 werden allseitige
Reparaturen an Thor und Einzäunung vorgenommen. Die
meisten alten Dokumenten entnommenen Notizen, welche
wir dem Archivrat Dr. Jakobs verdanken, beziehen sich
auf Arbeitsleistungen und deren Honorierung: „Garten-
meister Christhoff erhält pro Tag 6V2 Groschen," „8 Arbeiter
werden mit Mähen des Lustgartens beschäftigt" u. s. w.

Der Lustgarten war um~diese""Zeit der Platz für offi-
zielle Versammlungen'und Kundgebungen; so wird berichtet,
dafs die Nöschenröder am 28. September 1612 im Lust-
garten"Jclen~"Grafen Heinrich und Wolf Georg zu Stolberg
die Erbhuldigung leisteten. —

Über Nutz- und Obstpfl[anzungen erzählen uns
alte Berichte verhältnismäfsig mehr; wir erfahren auch, dafs
auf die Pflege der Hopfen- und Weingärten noch im
17. Jahrhundert grofser ,!Wert gelegt worden ist, jedoch ist
die eigentliche Blüte des Hopfen- und Weinbaus für den
Wernigeröder Kreis im 15. und 16. Jahrhundert zu suchen.
Aus alter Zeit stammen ferner die Anpflanzungen der
Maronen; einer der ältesten Maronenstämme am Abhänge
des Schlofsberges stammt nachweislich aus dem 16. Jahr-
hundert; der östlich vom Lustgarten gelegene etwa 4 Hektar
umfassende Maronen-Hain soll nach einer Viehseuche auf
dem Terrain, welches zum Verscharren der gefallenen Tiere
benutzt war, angepflanzt sein. Die Bäume tragen jetzt
ein um das andere Jahr und liefern^ etwa 10—20 Ctr.
Maronen, die sich durch einen sehr feinen süfsen Wohl-
geschmack auszeichnen; die Früchte sind jedoch klein und
halten sich nur bis Mitte Dezember frisch. Maulbeer-
plantagen, die im 17. Jahrhundert wiederholt erwähnt
werden, sind aus hiesiger Gegend so gut wie verschwunden.

Der Lustgarten hat vom Jahre 1713 an unter dem
regierenden Grafen Christian Ernst eine gänzliche Um-
arbeitung erfahren; 1720 war das Orangenhaus
(Orangensaal) eingeräumt und auch wohl der Lustgarten
in seiner neuen Gestalt im wesentlichen fertiggestellt. Aus
dieser Zeit besitzen wir den ersten ausführlichen Plan
vom Lust- und Küchengarten, in schöner Manier und
sauber gezeichnet vom damaligen Hof gärtner J. C. Beyrich sen.;
eine streng regelmäfsige Anlage mit zierlichen Figuren,
heckenartig umschlossenen kleinen Plätzchen und ge-
schnittenen Formbäumen; aber auch breite Linden-Alleen
durchschneiden das Terrain; ein grofser Platz mit Rofs-
kastanien bepflanzt, ist wie die Haupt-Linden-Allee der
Jetztzeit erhalten; Obst-Plantagen begrenzten die Anlagen.

Dem Entwurf der Gesamt-Anlage liegen Skizzen
und Handzeichnungen des Grafen Christian Ernst
zu Grunde; aber das Projekt war viel grofsartiger ver-
anlagt, als es zur Ausführung gekommen ist. Pläne inter-
essanter Lustschlösser und Gärten waren zum Studium
der damals gepflegten Kunst gesammelt, unter diesen die
der dänischen Krone gehörigen Anlagen bei den Lust-
schlössern Hirschholm und Friedrichsberg.

Die Gartenaniagen waren im wesentlichen fertig, aber
die Gebäude fehlten; das'Orangenhaus sollte nur als west-
licher Flügel eines grofsartigen Gebäude-Komplexes gelten;
östlich davon, weit in die Anlagen vorspringend, sollte
ein Schlofs sich erheben, welches'an regelmäfsiger Anlage

und grofsen Räumen das bieten sollte, was dem auf be-
schränkter Berghöhe liegenden alten Schlosse abging
daran sollte sich weiter östlich, conform dem westlichen
Flügel, ein Gebäude anschliel'sen, welches wahrscheinlich
für die schon damals bedeutende gräfliche Bibliothek be-
stimmt war. Diese Bauwerke mufsten den Abschlufs des
grofsartig veranlagten Lustgartens bilden; ein Schlofsbau
in unmittelbarer Anlehnung an die Anlagen konnte allein
das in seiner Eigenart nur als ein über Schlofsrampe und
Terrasse hinaus sich erweiterndes Parterre anzusprechende
Arrangement mit seinen heckenumschlossenen Plätzen dem
Besitzer erschliefsen; ohne solche Centrale blieb die Anlage
unverständlich. Schon im Jahre 1716 war ein Lusthaus
für den einstweiligen Aufenthalt der gräflichen Familie in-
mitten der Neuschöpfungen errichtet; dasselbe hat, nach
einer perspektivischen Gesamtansicht der Anlagen zu ur-
teilen, auf einer Anhöhe an der östlichen Grenze des Lust-
gartens gelegen und ist vom Meister Struck in einem Liede
besungen worden. Nebenher mufste aber das alte Schlofs
auf dem Schlofsberge, dessen älteste Teile das 13. Jahrhundert
bekunden, ausgebaut werden. Daher wurde der Entwurf
für die Schlofsanlagen im Lustgarten erst um die Mitte des
18. Jahrhunderts fertig gestellt; die Situation dazu ist
aus dem vom Hofgärtner Thylmann 1760 gefertigten Plan
ersichtlich (siehe Seite 3); dieser Plan enthält auch manche
andere Neuerungen, über deren Ausführung nichts festzu-
stellen ist; so geht es namentlich mit den zierlichen Mono-
grammen der gräflichen Familie.

Ein Unglück, welches 1751 über die Stadt Wernigerode
hereinbrach, eine gewaltige Feuersbrunst, nahm das ganze
Interesse des regierenden Grafen, dem der gewaltige Schlag
mitten unter seinen grofsartigsten Entwürfen traf, in An-
spruch. Die Feuersbrunst wie der siebenjährige Krieg
haben ohne Zweifel Schuld daran, dafs die grofsartigsten
Projekte nicht zur Ausführung kamen. So blieb der Lust-
garten gewissermafsen verwaist liegen, um später in neuer
Form anderen Zwecken zu dienen. Das erwähnte Lusthaus
ist noch im Laufe des Jahrzehntes von 1750—60 ver-
schwunden. Die auf den alten Plänen verzeichnete
Orangerie, welche wegen der herrlichen Orangen grofsen
Ruf hatte, erhält später eine anderweitige Bestimmung.
Im Jahre 1787 wurden die Orangen vom regierenden Grafen
dem König Friedrich Wilhelm II. zum Geschenk angetragen und
nach Charlottenburg gebracht. Der König drückte seine
hohe Befriedigung über den Stand der Baume dem sie
überbringenden Hofgärtner Beyrich jun. dadurch aus, dafs
er ihm 200 Friedrichsdor verabreichen liefs. Das Orangen-
haus wurde zur Aufnahme der fürstlichen Bibliothek be-
stimmt, die sich noch heute daselbst befindet.

Aus alledem, was man aus der nun folgenden Zeit
nicht erfahren, geht hervor, dafs eine Zeit des Stillstandes
eingetreten war; erst das neue Jahrhundert brachte neues
Leben. Man empfand das Bedürfnis, mit dem altfranzösischen
Muster, dem so manch holländischer Schnörkel und Schnitt
anhaftete, zu brechen; leider hat man auf solche Weise
ein weiteres Denkmal aus alter Zeit verloren. Der Lustgarten
mufste eine neue Umänderung erfahren. Dem Hofgärtner
Beyrich jun. (1785—1828), Vater des bekannten Reisenden,
loading ...