Die Gartenkunst — 1.1899

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52 DIE GARTENKUNST I, 3

Da ein einmaliger Versuch aber noch nicht beweisen
kann, welcher Modus den Vorzug verdient, so wurden
im Herbste 1897 neue Versuche angestellt. An verschiedenen
Kreisstrafsen wurden 374. Apfelbäume in verschiedenen
Sorten angepflanzt. Hiervon wurde diesmal die Hälfte
sofort regelrecht, d. h. so geschnitten, dafs die stehen-
bleibenden Augen sämtlich austreiben sollten, während
die andere Hälfte unbeschnitten blieb. Es wurde nun die
Beobachtung gemacht, dafs die sofort geschnittenen Bäume
früher zum Treiben kamen als die nicht geschnittenen;
es zeigte sich aber auch, dafs die Triebkraft der Sorten
sehr verschieden ist.

Einige Sorten, z. B. Goldparmäne, haben nur spärliche
Triebe gebildet, so dafs die Notwendigkeit eintritt, entweder
über Beiaugen zu schneiden, oder auf schlafende Augen
an der Basis der Äste zurückzugreifen.

Andere Sorten, wie Schöner von Boskop, Grünling
von Rhode Island, Bohnapfel, Baumanns Reinette und
grofse Kasseler Reinette, haben sich kräftig entwickelt,
und' können die neugebildeten Triebe zum Weiterbau der
Krone Verwendung finden. — Bei den nichtgeschnitteoen
Bäumen sind dieselben Beobachtungen wie im Vorjahre
gemacht worden, nämlich das Bilden schwacher Holz-
triobe und auf der Länge des ganzen Zweiges Blattrosetten
bezw. auch Blütenknospen, so dafs beim künftigen Früh-
jahrsschnitt, ähnlich wie bei den schlecht getriebenen
Bäumen der Gegenmothode, entweder auf Bei- oder auf
schlafende Augen an der Basis geschnitten werden mufs.
Auch bei den letztjährigen Versuchen sind die Bäume
wieder vorzüglich gewachsen, denn von 374 Stämmen ist
nur einer zurück geblieben, und da derselbe noch nicht
vertrocknet ist, so steht zu erwarten, dafs er im Frühjahr
noch kommt.

Ziehen wir aus diesen Versuchen einen Schlufs für
die Praxis, so fällt uns auf, dafs sämtliche Bäume sowohl
beim ersten als auch beim zweiten Versuch zur Zufrieden-
heit gewachsen sind, und müssen wir daher schliefsen,
dafs das Anwachsen derselben durch keine der beiden
Methoden beeinträchtigt oder beeinflufst wird, wie ja auch
die glcichmäfsige Bewurzelung bei den im Herbst 1897
ausgegrabenen Bäumen gezeigt hat.

Ferner zeigt sich durch die Versuche, dafs beide
Methoden in Anwendung gebracht werden können und
keine einen nennenswerten Vorteil bietet, wie man früher
glaubte, denn der erste Versuch lehrt uns, dafs schon im
zweiten Jahre der Unterschied, welcher zu Gunsten eines
sofortigen Rückschnittes ausfiel, fast ausgeglichen wird
und sich mit den Jahren je nach Standort, Pflege und
Bodenbeschaffenheit wohl gänzlich ausgleichen wird.
Immerhin würde ich jedoch einen sofortigen Rückschnitt
auf etwa 35—40 cm dem Nichtschneiden vorziehen, weil,
wie diese Versuche deutlich beweisen, viele Sorten bereits
im Jahre der Pflanzung kräftige Triebe bilden, mit deren
Hilfe die Fortsetzung der Kronenäste bewirkt werden
kann.

Eine sehr wichtige Erfahrung haben die Versuche
aber gebracht, nämlich: „bei sachgemäfser und auf-
merksamer Pflanzung werden die Bäume, mögen

sie sofort geschnitten sein oder nicht, selbst auch
dann, wenn sie mangelhaft bewurzelt sind, wach-
sen", und dieser Punkt ist ja schliefslich die Hauptsache.
Sind aber dann die Bäume einmal angewachsen, so wird
der Obstbaufreund schon Mittel und Wege finden, um
seine Bäume zu kräftigen Exemplaren heranzuziehen.

Obgleich Wir jetzt mit Bestimmtheit nachgewiesen
haben, dafs die Fragen über Schneiden und Nichtschneiden
beim Pflanzen des Kernobstes nicht in den Vordergrund
treten, so sind trotzdem wieder neue Versuche in Aus-
sicht genommen. Es sind hierzu 80 Äpfelbäume vorge-
sehen, und zwar gehen die Versuche in der Weise vor
sich, dafs die Bäume nicht wie in den letzten Jahren
bereits im Herbst geschnitten, sondern erst im Frühjahre,
etwa Ende März geschnitten werden.

Auf diese Weise hoffe ich die Vorteile aller Methoden
zu vereinigen, da dann die Reservestoffe bereits nach den
Wurzeln gewandert sein dürften, mithin nicht weg-
geschnitten werden können, die Wunden schneller ver-
heilen und das Gleichgewicht zwischen Wurzeln und Krone
hergestellt wird. Ein ausführlicher Bericht über den letzt-
geplanten Versuch wird dann im kommenden Jahre be-
sprochen werden.'*)

Baumpflanzungen in städtischen Strafsen.

Ein Beitrag zu dem Thema: „Allgemeine Regeln zur
Bepflanznng von Strafsen".

Von Weifs, städtischer Obergärtner, Berlin NW.

Nachdem nunmehr in dankenswerter Weise der Aus-
schufs für Gartentechnik zu obigem Thema Stellung ge-
nommen hat, ist der Grund zu einer zielbewufsten Aus-
sprache gelegt worden. Ein jeglicher wird seine eigenen
Wahrnehmungen kundgeben, und damit werden diese in
den meisten Fällen mehr und minder einen lokalen Charakter
tragen. Um nun zu allgemein, d. h. zu überall geltenden
Regeln zu kommen, ist es unumgängig notwendig, aus
möglichst vielen Orten das Material zusammenzutragen und
die verschiedensten Ansichten in Betracht zu ziehen.

Bei der Beratung des diesbezüglichen Antrages auf der
Hauptversammlung zu Köln wurde unter anderem von
Herrn Stadtbaurat Genzmer auf das von ihm herausgegebene
Werk über städtische Strafsen hingewiesen. Es sei mir
gestattet, auf dasselbe, soweit die Baumanpflanzungen in
Betracht kommen, hier näher einzugehen.

In dem Buche findet eine Aufstellung und durch Zeich-
nungen veranschaulichte Wiedergabe von verschiedenen
Strafsentypen statt, die gewifs viel Interessantes und Lesens-
wertes bieten; trotzdem möchte ich gleich im voraus ab-

:i) Es wäre sehr erwünscht, wenn die geehrten Mitglieder
und Leser dieser Zeitschrift auch ihrerseits Beobachtungen über
diesen wichtigen Punkt des Obstbaues anstellten und ihre dies-
bezüglichen Erfahrungen mitteilten. D. Red.
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