Die Gartenkunst — 1.1899

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DIE GARTENKUNST

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keiner Weise verletzt, die ganze Handlung ist mindestens
ebenso feierlich und ergreifend wie bei einem Begräbnis.

Ich selbst habe es miterlebt und nmfs bekennen, dafs
mich die Leichenfeier bei einer Feuerbestattung fast mehr
ergriffen hat als bei einer Erdbestattung. Es war zu
Gotha. Der Sarg stand in der kapellenartigen, mit Pflanzen
geschmückten Leichenhalle auf einem erhöhten Podium.
Nachdem die Leidtragenden sich versammelt, erschien der
Geistliche im Talar, sprach Trostesworte, Gebet und Segen,
und während die Sänger unter Harmoniumbegleitung den
Abschiedsgrufs sangen, sank der Sarg, wie von Geister-
händen getragen, langsam und geräuschlos in die Tiefe,
die Öffnung schlofs sich; vorüber war die kurze, aber ein-
drucksvolle Feier.

Wer es miterlebt und angesehen hat, wie bei Be-
gräbnissen die Träger ungeschickt den Sarg an Tauen
und Bändern hinablassen, wie der Prediger und die Leid-
tragenden oft auf schwankendem Brette bei Kälte, Wind
und Wetter über der Gruft stehen, die Erdschollen dann
dumpf polternd in die Gruft rollen —, der wird rückhalt-
los zugeben müssen, dafs eine Leichenfeier bei der Ein-
äscherung unendlich viel weihevoller und ästhetischer ist.

Endlich glaubt man noch in juristisch-krimineller Hin-
sicht gegen die allgemeine Feuerbestattung Einspruch er-
heben zu müssen, weil durch dieselbe Giftmorde ungesühnt
bleiben würden, bezw. diesen sogar Vorschub geleistet
werden könnte und durch die Verbrennung alle Spuren
einer Vergiftung verloren gingen. Dieser Einwand reicht
aber nicht aus, um gegen die Feuerbestattung Front machen
zu können; es kommen schliefslich doch höhere Interessen,
noch andere Gesichtspunkte in Betracht. In Italien ist die
Leichenverbrennung allgemein neben der Erdbestattung,
die berühmtesten Friedhöfe daselbst sind der Neue Monu-
mentalfriedhof (Cimitero nuovo monumentale) zu Mailand
und das Campo Santo, auch Cimitero di Staglione genannt,
zu Genua. Der Friedhof zu Mailand liegt beinahe
7a Stunde nördlich von der Stadt entfernt, ist 625 m lang
und 400 m breit, er zeichnet sich besonders durch archi-
tektonische und monumentale Bauten aus. Am Ende des-
selben befindet sich ein prächtiger säulengetragener Rund-
bau, dessen Mitte nimmt der Verbrennungstempel oder das
Crematorium ein. In mächtigen offenen Hallen befinden
sich in den Wänden die sogenannten Columbarien oder
Taubenhäuser (von Golumba die Taube), das sind reihen-
weise Fächer oder Nischen zur Aufbewahrung der Aschen-
reste der ärmeren Bevölkerung und erinnern in ihrem Aus-
sehen an Taubenhäuser, daher ihr Name. Die Asche der
Wohlhabenden befindet sich entweder in grofsen Grab-
kammern oder in kostbaren Aschenkrügen und Urnen,
welche teils in den grofsen Hallen, teils in besonderen
prunkvollen Urnenhallen untergebracht sind.

Landschaftlich hervorragend ist der Mailänder
Friedhof nicht, die Einteilung ist regelmäfsig und gradlinig,
nur die Grabstätten und die höchst realistischen, weithin
leuchtenden Marmorgestalten und Denkmäler sind oft von
wunderbar malerischer und ergreifender Wirkung.

Der Friedhof zu Genua ist landschaftlich der
schönste Italiens; er liegt '/a Stunde nördlich von der

Stadt entfernt am Abhang des Apennin und steigt aus
dem Thale des Bisagno terrassenförmig hinan, von 3 Hallen
umgeben, ebenfalls ausgezeichnet durch seine Prachtbauten
und stimmungsvollen Denkmäler. Von der Höhe hat man
einen prächtigen Blick auf die Stadt, den Hafen und das
ligurische Meer. Wer nach Italien kommt, versäume nicht,
diese Friedhöfe zu besuchen.

Fassen wir das bisher Gesagte kurz zusammen, so
ergiebt sich deutlich, dafs die Anlage parkartiger Fried-
höfe im grofsen Stile erst ausführbar ist von dem
Gesichtspunkte der obligatorischen Feuerbestat-
tung im ganzen deutschen Reiche; ob daneben noch Brd-
bestattungen weiter bestehen, kommt als unwesentlich hier
nicht in Betracht. Die Gartonkünstler werden unter Mit-
wirkung der Bildhauer und Architekten Friedhöfe anlegen
mit grofsen Rasenflächen und Gehölzgruppen, mit breiten
Wogen und Baumalleen, mit Hallen, Tempeln und Kre-
matorien, umgeben teils von Gehölzen ernsten Charakters,
teils auch von Ziergehölzen und Blumengruppen. Ein
stilles Gewässer darf nicht fehlen, an dessen Ufer ernste
Trauerweiden, stehen, ihr Gezweig in das Wasser tauchend,
und auf dessen dunkler Fläche weifse Seerosen schwer-
mütig ihre Kelche hin und her wiegen. In welcher Aus-
dehnung, in welchem Umfange und in welcher Art der
Ausführung ein Friedhof geschaffen werden soll, richtet
sich nach den gegebenen Verhältnissen und Geldmitteln;
der geübte Gartenkünstler wird schon ein Werk liefern,
welches allen Gesetzen der Schönheit und allen Ansprüchen
der Zweckmäfsigkeit vollauf entspricht. Das kommende
20. Jahrhundert' wird ein neues Geschlecht, wird andere
Männer finden. Es werden unsere Friedhöfe nicht mehr
das traurige Aussehen haben, sie werden einen geläuterten
Geschmack zeigen; ein Hauch von klassischer Schönheit
wird sie dann durchwehen und ein verklärender Schimmer
die Stätten der ewigen Ruhe umwehen.

„Nicht in die Gruft,

Nein in. die Luft
Mit Weltenäther fort in Sonnenfernen
Vm immer neuen Sternen,
Um deren Glühen mit zu unterhaften,
Um auf Planeten Kräfte zu entfalten
Zum Aufbau lebender Gestalten."

Dekorationen.

Ehrenpforte in Form eines Waldtliores.

(Hierzu eine Abbildung.)

Unserem Programm gemäfs führen wir heute den
geehrten Lesern dieser Zeitschrift die Abbildung einer
Dekoration vor, die von der Firma J. Gottfried Mehler in
Hamburg, bekannt durch ihre auf Ausstellungen vielfach
preisgekrönten Leistungen in Naturholz und Tuffstein-
Bauten, gelegentlich, der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-
Denkmals von Sr. Majestät dem Kaiser, am 18. Juni v. J.
in Altona ausgeführt worden ist.

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