Die Gartenkunst — 1.1899

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DIE GARTENKUNST

Obstbau.

Sollen wir beim Kernobst den regelrechten Schnitt bei
der Pflanzung oder erst ein Jahr später vornehmen?
Von Karl Fetisch, Kreisobstbautechniker in Oppenheim,
Rheinhessen.

Bs ist dem praktischen Obstzüchter längst zur Genüge
bekannt und in der Praxis genugsam bestätigt, dafs bei
Steinobstbäumen, also Zwetschen, Pflaumen, Aprikosen etc.,
beim Pflanzen sofort der regelrechte Kronenschnitt vorge-
nommen werden mufs, weil die Augen dieser Obstarten
nur von einjähriger Dauer sind und bei Unterlassung des
Schnittes mithin in der Krone kahle Stellen entstehen
würden. Anders jedoch liegen die Sachen beim Kernobst,
besonders aber bei Äpfeln und Birnen, weil hier die Augen
von mehrjähriger Dauer sind. Die Ansichten der Fach-
leute sind über das sofortige Schneiden der Kernobstbäume
sehr geteilt. Die Mehrzahl der Pomologen stellt die Behaup-
tung auf, ein beim Pflanzen in der Krone vorgenommener
Schnitt sei zu verwerfen, während von der gegnerischen
Seite behauptet wird, es müsse sofort geschnitten werden.
Welche Ansicht die richtige ist, wird wohl theoretisch nie-
mals nachgewiesen werden können, denn nur Beobachtung
und Erfahrung können hier den Ausschlag geben, und
Sorte, Bodenart, sowie Beschaffenheit des Baumes wird man
in Betracht ziehen müssen. Theoretisch beleuchtet bieten
beide Methoden Vorteile.

Zu Gunsten des Nichtschneidens wird angeführt, dafs
der Baum beim Ausgraben an den Wurzeln bereits grolse
Verletzungen erhalten habe, mithin in der Krone keine
Beschädigungen herbeigeführt werden dürfen. Ferner
wird behauptet, durch einen sofortigen Rückschnitt gingen
eine Menge aufgespeicherter Nährstoffe zum Schaden der
Wurzelbildung verloren, und schliefslich wird noch ange-
führt, dafs beim Nichtschneiden die oberen Augen nur
austreiben, während die unteren schlafen bleiben, um im
folgenden Jahre desto kräftiger auszutreiben. Zu Gunsten
eines sofortigen Rückschnittes wird hingegen angeführt,
die Krone müsse im Verhältnis zu den Wurzeln eingekürzt
werden, damit sich der spärlich vorhandene Saft auf die
wenigen Augen verteilt! und diese kräftig zum Austreiben
bringe, wodurch sich gröfsere Blätter bilden, die ihrerseits
eine gröfsere Assimilationsfläche bewirken, welche günstig
auf die Wurzelbildung einwirke.

Von dritter Seite wird nun aber gesagt, die allzulangen
Triebe in der Krone müfsten auf 40—50 cm eingekürzt
und diejenigen Äste, welche überflüssig sind, müfsten ent-
fernt werden. Durch die letztere Ansicht würden die
beiden zuerst aufgestellten Hypothesen wieder umgeworfen,
denn es würden sowohl Verwundungen herbeigeführt als
auch Reservestoffe weggeschnitten, und entspricht diese
Ansicht mehr oder weniger dem sofortigen Schneiden beim
Pflanzen.

Diese verschiedenen Ansichten ganz genau zu prüfen
und festzustellen, welcher Methode der Vorzug zu geben
sei, wurden diesbezügliche Versuche an den unter Leitung

des Verfassers stehenden Strafsenpflanzungen des Kreises
Oppenheim angestellt. Von der schon früher gemachten
Erfahrung ausgehend, dafs Versuche an einzelnen Exem-
plaren nur zweifelhafte Resultate liefern können, wur-
den solche in gröfserem Mafsstabe angestrebt und aus-
geführt. Als Versuchsobjekt wurde eine von Ost nach
West laufende Strafse mit einem 0,60—1,10 m hohen
Damme gewählt, an welcher 62 Apfelbäume des grofsen
Bohnapfel an beiden Seiten gesetzt werden sollten. Die
Bäume kamen vom Westerwald, waren nicht besonders kräf-
tig, waren schlecht gegraben, zeigten mangelhafte Bewurze-
lung, reisten etwa 12 Tage mit der Eisenbahn und trafen
bei kalter Witterung im November ein. Infolgedessen
konnten sie vorerst nicht gepflanzt, sondern müfsten ein-
geschlagen werden. Im Dezember 1896 wurde das Pflanzen
unter Beachtung aller Regeln mit grofser Sorgfalt vor-
genommen, wobei 20 Bäume sofort regelrecht geschnitten
wurden, während man 42 Bäume unbeschnitten liefs. Um
ein ganz genaues Urteil zu bekommen, pflanzte man auf
jede Seite des Dammes 10 Stück, ohne jedoch — wie dies
sonst bei Versuchen gern üblich ist — die stärksten Exem-
plare hierbei zu verwenden, sondern man nahm die Bäume
der Reihenfolge nach. Die weitere Behandlung war bei
allen Bäumen die gleiche.

Im Frühjahre trieben sämtliche Bäume schön aus nnd
zeigten alle — geschnittene wie ungeschnittene — ein
gesundes Wachstum; nicht ein Exemplar ist zu Grunde
gegangen.

Im Mai jedoch konnte die Beobachtung gemacht werden,
dafs die geschnittenen Bäume schöne Leitzweige bildeten
und auch die Seitentriebe sich gut entwickelten, wäh-
rend die unbeschnittenen Bäume nur mäfsiges Wachstum
der Hauptäste erkennen liefsen und auf ihrer ganzen
Länge Blätterknospen mit 3 —5 .spärlichen Blättern bildeten.
Tm Juli konnte an den geschnittenen bereits der Grün-
schnitt ausgeführt werden. Bis Herbst hatten die ge-
schnittenen Bäume Triebe von 20—50 cm Länge erzeugt,
welche zum Weiterziehen der Krone verwendet werden
konnten. Von beiden Versuchsabteilungen wurden im
Herbst nach der Pflanzung Bäume ausgegraben, um festzu-
stellen, ob sich in der Bewurzelung wesentliche Unter-
schiede geltend machen würden, doch konnte hier kein
Resultat erzielt werden, da bei beiden Methoden reichliche
Bewurzelung angetroffen wurde. Der Versuch fiel also
hier im allgemeinen zu Gunsten des sofortigen Rückschnittes
aus. Da an unseren schmalen Kreisstrafsen (chaussierte
Vicinalwege von 7 m Breite) eine Stammhöhe der Bäume
von 2,50 m erforderlich ist, so wurden im Frühjahre 1898
an allen Bäumen die Kronenäste mit Ausnahme des Mittel-
triebes auf 2 Augen geschnitten und konnten an den bei
der Pflanzung geschnittenen Bäumen, mit wenigen Aus-
nahmen, sofort neue Kronen gebildet werden. Von den
ungeschnittenen Bäumen hingegen konnten nur an den
kräftigsten Exemplaren neue Kronen angeschnitten werden.
Im Laufe des Jahres 1898 haben sich sämtliche Bäume,
dank intensiver Pflege, kräftig entwickelt, und grofse
Unterschiede zwischen beiden Versuchsabteilungen sind
heute kaum noch zu erkennen.
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