Die Gartenkunst — 1.1899

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DIE GARTENKUNST

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Reisebifder.

Süddeutsche Streifzüge.
Von Paul Klawun, Landsohäftsgärtner, Grofs-Liohterfelde.

(Hierzu eine Abbildung.)

Wer, vom Norden kommend, den Gartenkünstler-
kongrefs in Mannheim besuchen wollte, für den war Prank-
furt a. M. eine sehr willkommene Haltestation. Viel ge-
rühmt in deutschen Landen wegen ihrer weit zurückgreifen-
den geschichtlichen Bedeutung nicht minder wie in ihrer
wohlkonservierten finanziellen Machtstellung, gilt sie uns
vor allem doch als eine Hochburg der deutschen Garten-
kunst, für die in ihrem Palmengarten eine Stätte geschaffen
ist, die in ihrer glanzvollen Prachtontfaltung Fachleuten
wie Laien die hervorragendste Sehenswürdigkeit der herr-
lichen Mainstadt bedeutet. Ja., man könnte eher in Rom
den Papst versäumt, als in Prankfurt den Palmengarten
nicht gesehen haben. Gewifs findet die Danneckorsche
Ariadne ihre zahlreichen Bewunderer, gewifs hat jeder mit
heiligem Entzücken die traulichen Räume des Goethehauses
durchwandert und den Plaudereien des Führers gelauscht,
zumal dieser mit grofsem Geschick seinen Erzählungen
den Schein persönlicher Reminiscenzen an den erhabenen
Dichter zu geben weifs; aber was ist das alles gegen einen
schönen Sommerabend im Palmengarten!

Breit hingelagert bildet das grofse Parterre mit seinen
überreichen Farben- und Blumenakkorden, die in krausen
Windungen die elegante Fontäne umspielen, gleichsam die
rauschende Ouvertüre zu dem grofsartigen Blumen- und
Parkschauspiel, das sich weiterhin den Augen des Wan-
derers erschliefst, Daranschliefsend auf schönen Terrassen
das stattliche Gesellschaftsbaus mit seinen grünumrankten
Loggien, daneben der grofse Weiher mit seiner meister-
haften Baumstellung, überragt von dem hoch auf Felsen-
gruppen winkenden Alpenhäuschen; weiterhin der im
reichsten Blütenschmuck prangende Rosengarten, in dem
leider die hochliegende Mittohaubo ein störendos und ver-
kleinerndes Moment bildet. Hier boten namentlich die um
einen Flaggenmast gerankten „Crimson Rambler" eine herr-
liche Augenweide. Neben dem Orchester bildet der ältere,
zuerst geschaffene Teil des Gartens wohl das gelungenste
Beispiel für einen eleganten Villenpark.

Neben dem Palmengarten hat Frankfurt in seinen
Taunusanlagen und besonders in dem tropisch üppigen
Nizza am Mainquai aufserordontlich geschmackvolle städti-
sche Gärten. Im Nizza finden wir ein kreisförmiges Rasen-
stück mit Blattpflanzengruppen besetzt, deren feinkünst-
lerisches Arrangement kaum seinesgleichen finden dürfte.
'Glücklich die Hand, die, geleitet von einem überaus vor-
nehmem Geschmack, solche Meisterwerke der Blattpflanzon-
dekoration zu schaffen weifs, wie sie hier, zusammengestellt
aus Musa Ensete, Canna, Gymnothrix latifolia, Nicotiana
affinis, Caladium antiquorum, Cyperus alternifolius, Echeveria
glauca, Begonia u. s. w. das Auge entzücken. Empfindet
man im überreichen Blumenschmuck des Palmengartens
eine etwas weitgehende Konzession an den Geschmack
des grofsen Publikums, so wird im Nizza das ästhetische

Gefühl des geschulten Fachmanns in hervorragender Weise
befriedigt.

Mit diesen Vorbildern ausgerüstet, kam ich nach Mann-
heim, der Stadt, wo wir dies mal die grofsen Reden
hören und den langen Schmaus halten sollton. Solehe Ge-
legenheiten sind kaum geeignet, dafs man sich mit sach-
lichem Eifer in die gartenkünstlerischen Sehenswürdigkeiten
einer Stadt gehörig vertiefen könnte, zumal die vielen
Festlichkeiten einen langen Raum im Tagesprogramm be-
anspruchen. Hierfür hatte man in Mannheim mit richtigem
Verständnis den Stadtgarten gewählt, jene künstlerisch
so aufserordentlich gelungene Schöpfung des dortigen
Bürgorsinnes. In mäfsigon Dimensionen gehalten, breitet
sich der Park auf einem sehr glücklich coupierten Terrain
aus. Im Hintergründe, erhöht gelegen, steht das Gesell-
schaftshaus, dessen Innenraum zum Festessen in einen
prächtigen Palmenhain verwandelt war, aus welchem die
Musik ihre Weisen ertönen liefs. Sobald der schier endlos
quellende Redestrom mühsam eingedämmt war, wurde mit
Wohlbehagen die baumbeschattete Terrasse aufgesucht,
von wo der Blick auf das halbkreisförmige Blumenparterre
und den sich daran schliefsenden, tiefgelegenen Weiher
schweift, dessen malerische Baumkronen einen herrlichen
Rahmen um diesen idyllischen Garten mit den im Hinter-
grunde aufragenden Türmen der Jesuitenkircho woben.
Vollends zu einem Zaubergarten wurde dieser Park am
Abend, wo die Lampions im knorrigen Baumgeäst wie riesen-
grofse rote Äpfel leuchteten.

Im Vergleich zu diesem Park haben die übrigen städti-
schen Anlagen Mannheims einen schweren Stand. Am
vornehmsten erscheint der Platz vor dem Bahnhof, reich
geschmückt mit Blumenbeeten. Weiterhin finden wir auf
dem Paradoplatz einen gefälligen Garten, ebenfalls mit
Blumenrabatten reich geschmückt. Dagegen scheint mir
die Idee zu den Neuanlagen auf dem Friedrichsplatz stark
einem Kompromifs zwischen Gartenkünstler und Architekten
ihr Dasein zu verdanken, wobei dor Architekt den gröfston
Trumpf ausgespielt. Anders kann ich mir auf einem Platze
von so stattlichen Dimensionen und so glücklichen, leicht
coupierten Terrain-Verhältnissen die vielen Kreisbeete,
geraden und schräg gekreuzten Architektenwege nicht er-
klären. Schade, dafs man hier die Lehren des Münchener
Maximiliansplatzes nicht beachtet hat, der in kleinerem Mafs-
stabe ähnliche Bedingungen zeigt.

Auf dem weiten, öden Schlofshofe zeigten sich die
ersten rohen Ansätze zu einem künftigen Schmuckplatze,
für den das Kaiserdenkmal und die beiden pompösen Eber-
leinschen Brunnen mit den wundervollen Nibolungemotiven
den Anlafs gegeben haben.

Einen gröfseren Gegensatz, wie er zwischen Mannheim
und dem nahegelegenen Heidelberg besteht, kann man sich
kaum denken. Dort alles ebenerdig, schnurgerade, hier
alles lieblich eingebettet in waldige Borge, Rebenhügel,
grüne Matten, zwischendurch in tausend Windungen das
silberhelle Neckarband. Und hoch thronend das wunder-
same Kleinod deutscher Architektur, das Heidelberger
Schlofs. Wem würde bei dem Gedanken an diese epheu-
übersponnene Romantik, an diese zerklüfteten, baum-

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