Die Gartenkunst — 1.1899

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DIE GARTENKUNST

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Die Berge rings um dieses herrliche Becken glänzen
von Schnee- und Eisfeldern, und geradeaus vor uns steigt
der stolze Zahn des Matterhorn auf und scheint mit seiner
kühnen Spitze sich in den Himmel hineinzubohren."

Im nächsten Abschnitt wollen wir die Alpenpflanzen
und ihre Wohnsitze näher kennen lernen.

Ausstellungen.

Der Gartenbau auf der allgemeinen Ausstellung zu Paris
im Jahre 1900.

Nach „Le Jardin" No. 285.
(Hierzu 4 Abbildungen.)

Im Jahre 1899, sofern nicht äufsere Verwickelungen
eintreten, werden in Paris Wunder erstehen auf dem Ge-
biete der Kunst und Industrie, welche die ganze Welt in
Staunen setzen werden.

Eine stattliche Anzahl von Prachtbauten erheben sich
schon auf verschiedenen Punkten der Champs-Elysees, der
Esplanade des Invalides und des Champ de Mars. Kein
Tag vergeht, ohne dafs neue Einrichtungen getroffen werden,
die einen regelmässigen und raschen Portschritt der Arbeiten
verbürgen; das grofse Werk der Brücke Alexanders III. ist
bedeutend vorgeschritten; die Pläne der meisten auslän-
dischen Gebäude sind bereits dem Kommissariat der Aus-
stellung unterbreitet worden. Kurz, von allen Seiten wird
die gröfste Thätigkeit entfaltet und man darf wohl hoffen,
dafs alles am festgesetzten Termin fertig sein wird.

I.

Die (üirten des €hani|> de Mars und der Esplanade des Invalides.

Die Gärten der allgemeinen Ausstellung von 1900 sind
in Angriff genommen worden. Sie werden sicher nicht so
bedeutend werden, wie wir es gerne gesehen hätten, doch
daran sind die durch Anordnungen aller Art sehr ge-
steigerten Anforderungen Schuld. Indessen werden die
Gärten, wenn auch keinen ganz genügenden, so doch noch
einen ziemlich anständigen Raum einnehmen, der den Be-
suchern, welche von der Besichtigung der Millionen von
Dingen ermüdet sind, Gelegenheit geben wird, sich auf
die angenehmste Weise unter Blumen oder dem Schatten
grofser, schöner Bäume auszuruhen.

Der Garten einer allgemeinen Ausstellung mufs anders
angelegt werden als ein Privatgarten. Gar viele Hinder-
nisse sind zu überwinden, um ein Werk dieser Art zu
schaffen, ohne zu sehr die Regeln der Kunst zu verletzen.
Ohne die Gesetze der Ästhetik zu vernachlässigen, mufs
man diese auf alle Fälle mit den Bedürfnissen des Publi-
kums vereinigen. Möglichst breite Promenaden wären
notwendig, freie Plätze für Musikkioske und Bauwerke ver-
schiedener Art: Cafes, Restaurants, Bedürfnisanstalten u.s.w.

Schliefslich mufs man darauf sehen, einen sofortigen
Effekt zu erzielen; es ist fast unumgänglich, dafs ein Aus-
stellungspark, wiewohl er erst seit kurzer Zeit besteht, den
Besucher so entzücken mufs, als wenn er schon seit zwanzig
Jahren da wäre.

Das von Herrn Vacherot, dem Obergärtner der Aus-
stellung, entworfene und von Herrn Bouvard, dem Direktor
der Architektur, der Park- und Gartenanlagen geprüfte
Projekt dürfte ohne Zweifel vollauf befriedigen.

Auf dem Champ de Mars werden zwei Stilarten dar-
gestellt sein, ein gemischtes System, das heutzutage viel-
fach angewandt wird, indem die landschaftlichen Gärten
in Verbindung mit den geometrischen (gewöhnlich "als
französische bezeichnet) auftreten werden (Pig. 4, Seite 51).

Es dürfte nicht unzweckmäfsig sein, an dieser Stelle
zu bemerken oder vielmehr zu wiederholen, dafs die land-
schaftlichen Gärten sehrmitUnrecht englische Gärten genannt
werden, da doch die erste Anregung von einem französischen
Komödiendichter, Dufresny, gestorben 1724, herrührt. Der
natürliche oder landschaftliche Stil hat sich allerdings zu-
nächst in England ausgebreitet, woher gewifs der Irrtum
stammt; aber die Idee ist durchaus französisch, und die
Franzosen müssen sie als ihr Eigentum in Anspruch nehmen.
Unsere überseeischen Nachbarn waren indes nicht lange
die einzigen, welche sie sich zu nutze machten. Über ein
Jahrhundert ist schon verflossen, als der Marquis de Girardin
den wundervollen Park von Ermenonville schuf und die
Kunst, Landschaften anzulegen, auf eine bis dahin noch
unbekannte Höhe brachte.

Doch ist es auch ein Irrtum, den man begeht, wenn
man französische Gärten die geometrischen nennt, da diese
bereits dem Altertum bekannt und über viele Länder ver-
breitet waren. Zahlreiche Modifikationen sind vorgenommen
worden, je nach der Zeit oder der Gegend, aber das Prinzip
ist dasselbe geblieben. Le Notre brachte diesen Stil zur
gröfsten Vollkommenheit, doch fand er schlechte Nachahmer.
Der geometrische Garten ist heute in der That nur noch
ein Annex des landschaftlichen Gartens.

Kommen wir auf die Gärten der Ausstellung wieder
zurück.

Auf dem Champ de Mars wird das Malerische dem
Schönen nichts nachgeben, und die Besucher werden an
dem herrlichen Schmuck sich weiden können. Grofse
Bäume werden einen wohlthuenden Schatten spenden, die
schönsten bekannten Gehölze, bunte Blattpflanzengruppen,
aus den verschiedensten Pflanzen zusammengesetzte Beete,
wohlriechende Blumen etc. werden einen wunderbaren
Effekt machen. Seltsam gewachsene Bäume, Felsen, an-
mutige Perspektiven werden die malerische Seite darstellen.
Wasseranlagen, die durch ihr Vorhandensein stets eine
angenehme Zierde bilden, werden mit ihrer heiteren Um-
gebung natürliche Wasserscenerien darstellen; die beiden
Seen aus dem alten Park des Champ de Mars, rechts und links
von dem gigantischen Eiffelturm liegend, werden ebenfalls
wieder Verwendung finden. Übrigens wird der ungeheure
Riese (der Turm) ein neues Gewand anlegen und so noch
immer auf die Leute aus der Provinz seine grofse An-
ziehungskraft ausüben.

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