Die Gartenkunst — 1.1899

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Gehölze.

Winterhärte Rhododendron in Deutschland.

Von F. Ledien, kgl. Garteninspektor, Dresden.
(Hierzu eine Abbildung.)

Wovon schwärmen die deutschen Gärtner und ge-
bildete Laien am meisten, wenn sie englische Parks im
Frühjahre in voller Blütenpracht gesehen haben? Vor
allem anderen doch wohl von den Rhododendron-Massen
in Hydepark, Hawarden, und zahllosen anderen Privat-
Gärten, die unter dem Einflüsse Waterers und anderer
schon seit Anfang dieses Jahrhunderts mit Massenan-
pflanzungen davon gefüllt wurden! Die schönen Gedern
und Sequoias Süd-Englands finden wir nur in den bevor-
zugtesten Lagen der Rheinlande, wo man, ermutigt durch
ein aufserordentlich mildes Klima, es wagen durfte, solche
Exoten frei genug zu stellen, wie sie es zur Entwickehing
ihrer vollen Schönheit nötig haben. Im übrigen Deutsch-
land müssen wir auf diese eigenartigen Baumformen ver-
zichten. Was wir aber fast überall bei geschickter Sorten-
auswahl und mit geringen speziellen Vorbereitungen haben
können, das sind die Winterhärten Rhododendron. Die farben-
prächtigen Frühjahrsbilder der englischen Parks sind wohl
jedem unvergefslich; aber fast jeder betrachtet es als un-
umstöfsliches Faktum, dafs uns unser Klima die Entfaltung
derartiger Pracht in unseren Parks und öffentlichen An-
lagen vorbietet. Dieser durchaus unzutreffenden Ansicht
energisch entgegenzutreten, ist der Zweck dieser Zeilen. Ich
halte eine eingehende Aussprache darüber für um so
nötiger, als ich verschiedene schüchterne Versuche damit
an falscher Platzwahl und Vernachlässigung einiger sehr
einfacher Kulturmafsnahmen habe zu Grunde gehen sehen.
Gewifs können wir nicht die grofse Masse der Waterer-
schen und holländischen Züchtungen, die in Kngland die
Hauptrolle in den Freilandgruppen spielen, bei uns mit
Erfolg auspflanzen. In ihnen steckt Blut vom empfindlichen
Rhododendron arboreum, der mit anderen Himalaya-Arten
ihnen die herrlichen leuchtend roten Färbungen vererbt
hat. Sie sind es auch, deren öfter mifslungene Aus-
pflanzversuche die ganze Sache in Mifskrodit gebracht
haben. Uns steht aber die ganze grofse Nachkommenschaft
der Caucasicum-, Catawbiense- und Maximum-Gruppen zur
Verfügung, an deren Winterhärte bei richtiger Platzwahl
und Behandlung denn doch nicht gezweifelt werden darf.
Was John Booth in Flottbeck und Peter Smith in Ham-
burg für das deutsche Küstenklima in dieser Hinsicht als
richtig und erwiesen kennzeichneten, das galt es auch für
das übrige Deutschland, natürlich in bestimmten Grenzen,
zu beweisen, und es ist das grofse Verdienst des ver-
storbenen Dresdener Gärtners Hermann Seidel, diese
langwierige und zunächst wenig dankbare Aufgabe unter-
nommen und glänzend durchgeführt zu haben. Manch
guter Rat des alten Schotten Peter Smith, der seinen
Liebling „Rhododendron Gunningham's White'"') für die

*) Eine für den Nichtkenner verhängnisvolle Unklarheit
herrscht in den wissenschaftlichen dendrologisehen Werken,
selbst in den neuesten von Dippel und Koehne, über Rhod.

Seideischen Versuche angelegentlichst empfahl, wurde da-
bei beachtet und noch heute ist diese alte Varietät eine
der gesuchtesten und wertvollsten in vieler Hinsicht.

Nicht die Kälte ist es, darauf wies P. Smith, damals
noch in Schottland lebend, den 25jährigen Seidel ge-
legentlich seiner ersten Reise nach Schottland hin, welche
bei uns mit anderen immergrünen Gehölzen die Rhododendron
vernichtet: Heftige Winde, besonders die trockenen Ost-
winde in Verbindung mit intensiver Sonnenwirkung bei
Mangel an Schnee sind es, die meistens bei uns, wie auch
an vielen Orten Ost-Englands die Pflanzen durch Anregung
zu übermäfsiger Wasserabgabe, durch Verdunstung ohne
Nachschub von unten her, aufreiben. Durch solche Über-
legungen kam Hermann Seidel dazu, die zu erprobende
Nachkommenschaft obengenannter harter Spezies in einen
dünnbestandonen Kiefernwald zu bringen und dort den
Unbilden des Winters gegenüber zu stellen. Die Eng-
länder bezeichnen in neueren Arbeiten über den Gegen-
stand die harzduft-geschwängerte Luft solcher lichten
Nadelholzwälder als das schützende Medium bei solchen
Versuchen; die Verhinderung der vorbezeichneten schädi-
genden Einflüsse ist doch sicher wohl die wichtigere Seite
des Kultlirverfahrens und deutet uns an, was wir bei der
Platzwahl zu berücksichtigen haben.

Cunninghamii, im Handel bekannter als „Cunningham's White".
Im nachfolgenden sei die verhältnismäfsig einfache Sachlage
klargestellt.

Etwa um das Jahr 1820 herum, gleich nach der Einführung
des wohl das leuchtendste Rot führenden Rhod. arboreum aus
dem Himalaja, kamen Kreuzungen von Rhod. arboreum in den
Handel mit den verschiedenen in England winterharten Arten:
ponticum, caucasicum, catawbiense. Alle Abkömmlinge brachten
das leuchteude Rot von arboreum in die bis dahin nur matt-
farbigen Rassen und erfüllten damit die Absichten des Züchters.

Rhod. hybr. ponticum X arboreum = Cunninghamii
caucasicum X arboreum = Nobleanum
catawbienseX arboreum = Altaclarense.
Alle Abkömmlinge aber zeigten im Laube in ausgesprochenster
Weise ihre Abstammung von Rhod. arboreum und waren auch,
selbst in England nicht hart ebenso wie arboreum. (J. G.
Mangles in Gard. Chron. 1876 und a. a. 0.)

Wie stimmt das nun mit unserem weil'sblühenden absolut
winterharten, unverwüstlichen „Cunnigham's White" mit reinem
Caucasicum-Laub ? Der alte P. Smith lebt nicht mehr, um Aus-
kunft zu geben; aber das Universal-Register aller botanischen
und gärtnerischen Neuerscheinungen im klassischen Lande der
Rhododendronliebhaberei, Gard. Chron., giebt auch hierüber
für uns völlig genügende Aufklärung: Allerdings hat es nicht
wenig Mühe gekostet, dieselbe zu finden: Gard. Chron. 1887.
I. 459. eine Briefkastennotiz: Rhod. caucasicum album. „Wir
haben bisher nicht gewufst, dafs diese Sorte in manchen
Handels-Katalogen als „Cunningham's dwarf White" geht."
Und so liegt die Sache und mufs sie liegen für jeden Kenner
dieses für unsere Dresdner Kultur so wichtigen Rhododendron.
Es handelt sich um weiter nichts als einen handelsgärtnerischen
Doppelnamen, den wer weifs wer der weifsen Form von Rhod.
caucasicum gegeben hat, ohne Rücksicht darauf, dass schon
einmal eine ganze Rasse der Gattung ähnlich bezeichnet
worden ist. Unsere dendrologischen Handbücher meinen ohne
Zweifel unseren „Cunningham's White", indem sie ihn deutlich
genug beschreiben.
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